Roman von Edward Bulwer-Lytton
Erstveröffentlichung 1871
frühere deutsche Übersetzung unter dem Titel »Vril oder Eine Menschheit der Zukunft«
Inhalt
Der Ich-Erzähler, ein junger, tatkräftiger und mitten im Leben stehender Amerikaner, wird von einem entfernten Bekannten zur Besichtigung eines Bergwerks eingeladen. Diese, in der realen Welt spielende Einleitung erstreckt sich nur über wenige Seiten, dann geschieht die Katastrophe, die den Erzähler zum eigentlichen Ort des Geschehens führt: Beim Versuch, sich von einem unterirdischen Felsen abzuseilen, stürzt sein Begleiter zu Tode, während er selbst allein in dem nun unheimlichen Höhlensystem zurückbleibt.
Wie er bald feststellt, ist er entgegen seiner Erwartung nicht das einzige Lebewesen in der unterirdischen Welt. Als erstes begegnet er einem Reptil, das ihn gern gefressen hätte (wozu es natürlich nicht kommt). Nach einer kurzen, einsamen Wanderung sieht er sich einem Wesen gegenüber, das ihm auf den ersten Blick vertraut, auf den zweiten jedoch noch fremdartiger als das Reptil erscheint: ein großer, gebieterisch wirkender Mann mit Flügeln (künstlichen, wie sich heraustellen wird), kein den Erdbewohnern vergleichbarer Mensch, sondern ein Vertreter der Vril-ya, einer unter der Erde lebenden, hoch entwickelten Zivilisation. Der Erzähler wird in den Haushalt eines angesehenen Vril-ya aufgenommen und vor allem durch dessen erwachsene, aber noch unverheiratete Tochter Zee mit den Gepflogenheiten der Vril-ya vertraut gemacht.
Die Vril-ya sind den Erdbewohnern in vielerlei Hinsicht überlegen. Diese Überlegenheit verdanken sie vor allem der geheimisvollen Kraft Vril, aus der sie ihren Namen ableiten und deren Beherrschung aus ihrer Sicht den Unterschied zwischen zivilisierten Völkern und Barbaren ausmacht. Von den Mühen eines Lebens durch Arbeit haben sie sich weitestgehend befreit, denn ihr Wissen hat sie befähigt, allerlei nützliches technisches Gerät zu entwickeln. Unter anderem haben sie den alten Traum vom Fliegen mithilfe der schon erwähnten künstlichen Flügel verwirklicht. Alltägliche Arbeiten, beispielsweise im Haushalt, werden ihnen von Automaten abgenommen. Die noch verbleibenden Aufgaben, beispieIsweise den Schutz vor wilden Tieren, erledigen die Kinder der Vril-ya.
Das Gesellschaftssystem der Vril-ya ist egalitär, ohne das Individuum einzuengen. Möglich wird dies durch eine höhere Stufe des Bewusstseins: Das Streben nach mehr Besitz, mehr Macht, mehr Ruhm ist den Vril-ya wesensfremd und gilt ihnen als Merkmal unterentwickelter, barbarischer Zivilisationsformen, die sie selbst seit langem überwunden haben. Die Vril-ya sind glücklich, werden von keinerlei Leidenschaften getrieben und leben mit sich und der Welt im Gleichgewicht. Ihr Selbstbild ist das einer überlegenen Rasse.
Dies bekommt bald auch der Erzähler zu spüren, der sich anfangs noch redlich bemüht, die Fortschrittlichkeit seiner eigenen (der amerikanischen) Kultur herauszustellen. Bald ist ihm klar, dass er für seine Gastgeber auf der gleichen Stufe steht wie ein Schoßhündchen. Ihre Ethik verbietet es den Vril-ya, einem Wesen Leid anzutun, das für sie keine Bedrohung darstellt. Der Erzähler erlebt aber auch, was passiert, wenn sie sich bedroht fühlen: Dann töten sie gnadenlos effizient und ohne jegliches Mitleid, etwa so, als ginge es darum, Unkraut zu jäten.
Was den Erzähler aber mehr als alles andere verwirrt, ja abstößt, sind die Rollen von Mann und Frau (»An« und »Gy«). Eindeutig sind bei den Vril-ya die Frauen das starke Geschlecht. Sie sind größer und stärker, in den Wissenschaften führend, im Handeln entschlossener. Vor allem aber: Sie sind es, die ihren Partner wählen, sich erklären und den Heiratsantrag machen. (Außereheliche Beziehungen gibt es nicht!) Es ist zu vermuten, dass vor allem dies der Punkt ist, weshalb Bulwer-Lytton, zur Entstehungszeit bereits ein alter Mann, die seinerzeit beginnende Frauenbewegung als einen Irrweg betrachtete und in seinem Werk schonungslos bis gehässig parodierte. Der Erzähler jedenfalls (gewissermaßen als Stellvertreter des Autors) macht seinen Standpunkt klar, als er von Zee, der Tochter seines Gastgebers umworben wird. Gerade dadurch, dass die junge Gy so stark, überlegen und verehrungswürdig ist, ist es für ihn ausgeschlossen, sich von ihr als Frau angezogen zu fühlen. Trotzdem ist es am Ende die abgewiesene Gy Zee, die den von der Vernichtung bedrohten Erzähler rettet, ihrer Liebe entsagt und ihn wieder in die Oberwelt befördert.
Einordnung
»Das kommende Geschlecht« wird allgemein zu jenen Werken gezählt, die das Genre Science Fiction begründeten. Von der Konstruktion her weist der Roman alle Merkmale einer klassischen Utopie auf:
- Der Held ist ein überdurchschnittlich gebildeter und moralisch gefestigter Vertreter der uns vertrauten Welt,
- er wird vom Schicksal auserwählt, eine abgeschottete, unbekannte, auf höherer Entwicklungsstufe stehende Zivilisation zu entdecken,
- er erkundet die fremde Welt unter Führung weniger ihrer Vertreter
- und erzählt sein Abenteuer nach Art eines Reiseberichts, nachdem ihn das Schicksal gnädig wieder entlassen hat.
Und doch ist »Das kommende Geschlecht« alles andere als ein positiver Entwurf einer künftigen Gesellschaft. Die vollkommene Welt der Vril-ya offenbart dem Fremden mehr und mehr ihre Schattenseiten mit der Konsequenz, dass der Held am Ende seiner Geschichte vor dieser Art von Vollkommenheit eindringlich warnt. Mitunter wird das Werk deshalb auch als Anti-Utopie bezeichnet, was allerdings nicht im Sinne einer Dystopie (wie beispielsweise bei Huxley, Dick oder Ballard) zu verstehen ist.
Auch für den heutigen Leser sind viele Anspielungen des Autors auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen seiner Zeit erkennbar — immerhin blickte Bulwer-Lytton zur Entstehungszeit des Romans nicht nur auf ein umfangreiches literarisches Werk zurück, sondern auch auf ein langes Politikerleben. Im Zentrum seiner Kritik steht unverkennbar der Darwinismus; explizit die Übertragung von Darwins Ideen auf Gesellschaftssysteme. Sehr kritisch sieht Bulwer-Lytton auch egalitäre Bestrebungen, die seiner Ansicht nach hervorragende Leistungen Einzelner behindern, sowie — siehe oben — die Gleichberechtigung der Frau. Insofern ist »Das kommende Geschlecht« in erster Linie eine satirische Absage an Utopien seiner Zeit, was bei einer Interpretation aus heutiger Sicht zu berücksichtigen ist.
In einem Brief an seinen Sohn Robert Lytton schrieb der Autor im Jahr der Veröffentlichung (entnommen der 1999 bei dtv erschienen Ausgabe):
Ich glaube nicht, daß die Leute den Leitgedanken des Buches erfaßt haben oder je erfassen werden. und der lautet: Angenommen die diversen Vorstellungen gelehrter Reformer könnten vereint und praktisch realisiert werden, dann wäre das Ergebnis erstens, eine Rasse, die für uns tödlich sein müßte; unsere Gesellschaft könnte sich mit ihrer nicht vermischen; sie wäre für uns nicht wegen ihrer Laster tödlich, sondern aufgrund ihrer Tugenden. Zweitens würde die Realisierung dieser Ideen eine Gesellschaft hervorbringen, die wir äußerst stumpfsinnig fänden und in der die allgemeine Gleichheit jegliche Größe verhindern würde.