Burgess, Anthony, eigentlich John Anthony Burgess Wilson, britischer Schriftsteller, * 25. Februar 1917 in Manchester, † 25. November 1993 in London; Burgess verwendete auch die Namen John Burgess Wilson und Joseph Kell. Den Namen Anthony Burgess benutzte der Schriftsteller seit 1956.
Einem größeren Publikum wurde Anthony Burgess durch die Verfilmung seines Romans »A Clockwork Orange« (1962) durch den britischen Regisseur Stanley Kubrick 1971 bekannt. Der Film rückte aufgrund seiner Ausstattung den Roman in die Nähe einer Pop-Ästhetik und Pop-Kultur, die in der Vorlage naturgemäß nicht enthalten sein konnte. Dennoch übertrug sich dieses Bild auch auf den Autor. Die Ernüchterung des Publikums erfolgte schnell, denn tatsächlich hat das Werk Burgess’ mit Pop nichts zu tun und »A Clockwork Orange« zählte er selbst noch nicht einmal zu seinen wichtigen Werken. Vielmehr sah Burgess sich in der Nachfolge von James Joyce: Wie das Werk des Iren ist Burgess Werk mal mehr, mal weniger offensichtlich vom Katholizismus geprägt, viele seiner über 30 Romane kreisen um die Themen Schuld, Sühne, Rache und Verantwortung und sind darin dem Werk von Graham Greene – wenn auch in völlig anderer Ausformung – ähnlich. Viele seiner Werke sind Utopien oder Dystopien oder spielen mit Elementen der Science-Fiction-Literatur.
Von herausragender Bedeutung sind seine Romane »The Doctor is Sick« (1960), »Tremor of Intent: An Eschatological Spy Novel« (1966), »Napoleon Symphony« (1974), »The Kingdom of the Wicked« (1985) und »Earthly Powers« (1980). Neben dem eigentlichen Thema finden sich in jedem seiner Bücher auch Nebenthemen wie Sprache, Religion, Musik und Sexualität. Burgess selbst besaß erhebliches musikalisches Talent und einige seiner Bücher spiegeln dies auch in ihrer formalen Gestaltung wider. So ist »Napoleonsymphonie« formal wie eine klassische Sonate konstruiert. Anthony Burgess schrieb nicht nur Romane, sondern auch Libretti, wissenschaftliche Artikel – etwa für die Encyclopedia Britannica – und betätigte sich journalistisch. Auch hinterließ er eine bemerkenswerte Anzahl von Kompositionen, die vereinzelt auch ihre Aufführung erlebten.
Leben
Die Biografie Burgess’ könnte selbst die Vorlage für einen seiner Romane bilden: Sein katholischer Vater gab den kleinen Jungen nach dem frühen Grippetod seiner zum katholischen Glauben konvertierten Frau 1918 zu seiner Schwägerin. Nach der Wiederheirat seines Vaters kehrte Anthony Burgess in die Familie zurück, doch lehnte ihn die Stiefmutter ab. Trotz dieser innerfamiliären Spannungen erhielt Anthony Burgess eine kostspielige Schulausbildung, studierte Ende der 1930er-Jahre in Manchester Literatur und Sprachwissenschaft, wurde 1940 zum Militärdienst eingezogen und heiratete 1942 Llewela Jones, von ihm Lynne genannt. Burgess wurde nach Gibraltar versetzt und arbeitet dort für die Armee bis 1945 als Sprachlehrer. Diesen Beruf übte er auch nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst in Großbritannien aus, meldete sich aber 1954 beim British Colonial Service und lehrte in Kuala Kangsar in Malaysia. Hier schrieb er sein erstes Buch, das auch tatsächlich veröffentlicht wurde: »English Literature. A Survey for Students«. Nach einem kurzen Aufenthalt in Großbritannien ging er mit seiner Frau 1958 nach Brunei. Auf diesem Aufenthalt fußt die Legende, dass in dem Sultanat bei Burgess ein unheilbarer Gehirntumor diagnostiziert worden sei, woraufhin er das Schreiben überhaupt erst begonnen habe; Burgess selbst hatte diese Legende in die Welt gesetzt. Nach seiner Rückkehr nach Großbritannien, beruflich frustriert und alkoholabhängig, entschloss er sich, freiberuflich als Schriftsteller zu arbeiten. Burgess schrieb schnell und fasste Eindrücke umgehend in Texte; Reisen ergaben beinahe regelmäßig auch Bücher. Nach dem Tode seiner Frau 1968 heiratete er seine langjährige Geliebte Liana Macellari, mit der er den Sohn Paolo Andrea hatte; Paolo Andrea starb 2002. Um den hohen britischen Steuern zu entgehen, wurde Burgess zum Nomaden, lebte mit seiner Familie in Malta, Rom, den USA und ließ sich schließlich in Monaco nieder, unterbrochen von Aufenthalten in der Schweiz. Schwer krank kehrte er nach England zurück, wo er 1993 starb.
Werke (Auswahl)
- Time for a Tiger (1956: 1. Teil der sog. Malayischen Trilogie)
- The enemy in the Blanket (1958; 2. Teil der Malayischen Trilogie)
- Beds in the East (1959; 3. Teil der Malayischen Trilogie)
- The Doctor is sick (1960; dt. Der Doktor ist defekt, 1985)
- One Hand Clapping (1961; dt. Ein-Hand-Klatschen, 1980)
- A Clockwork Orange (1963; Uhrwerk Orange, 1972)
- Tremor of Intent: An Eschatological Spy Novel (1965; dt. Tremor, 1980)
- Napoleon Symphony (1974; dt. Napoleonsymphonie, 1982)
- The Clockwork Testament, or Enderby’s End (1974; dt. Das Uhrwerk Testament, 1992)
- Beard’s Roman Woman (1976; dt. Rom im Regen, 1999)
- Earthly Powers (1980; dt. Der Fürst der Phantome, 1980)
- The End of the World News (1982; dt. Erlöse uns Lynx, 1986)
- The Pianoplayers (1986; dt. Der Mann am Klavier, 1989)
- A Dead Man in Deptford (1993; dt. Der Teufelspoet, 1995)