Lem, Stanisław, polnischer Schriftsteller, * 12. September 1921 in Lemberg (damals Polen), † 27. März 2006 Krakau. Obwohl Lem selbst den Begriff Science Fiction in Bezug auf seine eigene Person gern als wenig hilfreiche Etikettierung abtat, ist er zweifellos einer der größten Science-Fiction-Autoren überhaupt — für viele schlichtweg der größte. Einem breiteren Publikum bekannt wurde Lem u.a. mit dem Roman »Solaris« (1961) bzw. dessen Verfilmungen (Andrei Tarkowski, 1972; Steven Soderbergh, 2002). Lems Werke wurde in mehr als 50 Spachen übersetzt und über 45 Millionen Mal verkauft. Damit kann Lem als der erfolgreichste Autor der modernen polnischen Literatur gelten.

Lems Ausnahmestellung in der Science Fiction hat mehrere Gründe. Einer davon ist der unglaubliche Reichtum an Ideen, die sich oft auch in sprachlichen Neuschöpfungen niederschlugen. Auch bei erneuter Lektüre ein und desselben Werkes kann der Lem-Leser damit rechnen, auf bislang Unentdecktes (Übersehenes) zu stoßen. Ein anderer Grund ist die Ernsthaftigkeit, mit der Lem grundlegende Probleme der menschlichen Existenz literarisch verarbeitet und Implikationen des technischen Fortschritts konsequent zu Ende denkt. Das große Wunder aber ist, dass diese Ernsthaftigkeit groteske Einfälle und sanfte Ironie nicht ausschließt.

Zentrale Themen von Lem sind der wachsende Einfluss der Technik auf die geistige Welt, die Rolle der Ethik im Verhältnis zur Technologie, die Frage nach der menschlichen Identität, das Erkennen der Wirklichkeit. Mit diesen Themen setzte sich Lem auch in zahlreichen Essays auseinander.

Leben

Stanisław Lem stammt aus einer Arztfamilie und begann 1940 in seiner Heimatstadt Lemberg, die 1939 an die Sowjetunion gefallen war, ebenfalls Medizin zu studieren. Nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion und die darauf folgende deutsche Besetzung Lembergs musste Lem sein Studium unterbrechen. Er arbeitete zeitweilig als Automechaniker und gehörte dem Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht an. Nach dem Krieg musste er seine nunmehr zur Sowjetunion gehörende Heimatstadt verlassen. 1946 siedelte er nach Krakau über, nahm dort sein Medizinstudium wieder auf und schloss es 1948 ab. Allerdings erlangte er nie die Approbation als Arzt: die Prüfer ließen ihn in der Abschlussprüfung durchfallen, weil er auf Fragen zur Rolle der Genetik nicht die politisch korrekten Antworten gab. Gegen Ende der 1940er-Jahre arbeitete er als Forschungsassistent an Problemen der angewandten Psychologie und begann sich im Selbststudium mit Kybernetik, Mathematik, Physik, Biologie und Philosophie zu beschäftigen. Gleichzeitig besserte er sein Gehalt durch Fachübersetzungen in diesen Fächern auf und begann selbst zu schreiben. 1953 heiratete Stanislaw Lem die Radiologin Barbara Lesniak. Das einziges Kind des Ehepaars Lem (ein Sohn) kam 1968 zur Welt.

Lems erster Roman, »Człowiek z Marsa«, wurde bereits 1946 in einer polnischen Heftreihe abgedruckt, geriet dann in Vergessenheit und erschien erst 1989 auf deutsch (»Der Mensch vom Mars«). 1951 wurde Lems erster Roman in Buchform veröffentlicht (»Astronauci«; dt. »Die Astronauten«, auch »Der Planet des Todes«). Dieser steht noch ganz im Zeichen sozialistischer Utopien und wurde von Lem selbst später als naiv bezeichnet. Dazu passt, dass der Roman 1960 von der DEFA verfilmt wurde (»Der schweigende Stern«, Regie Kurt Maetzig), zu einer Zeit also, als die sozialistische Staatengemeinschaft ihre Erfolge in der Raumfahrt bejubelte. Schnell ließ Lem diese, unter dem Einfluss der sowjetischen Phantastik stehende Phase hinter sich. Die Erzählungen »Dzienniki gwiazdowe« (1957; dt. Sterntagebücher) sprühen vor Ironie und lassen bereits erkennen, dass es bei Lem um mehr — oder etwas ganz anderes — als um Weltraumabenteuer geht. 1957 erschien mit »Dialogi« auch Lems erstes philosophisches Werk. In den 1960er-Jahren verfasste Lem in dichter Folge Romane und Erzählbände, die seinen Platz in der Weltliteratur begründeten, u.a. das bereits erwähnte »Solaris«, »Transfer« (auch »Rückkehr von den Sternen«), »Der Unbesiegbare«, »Kyberiade« (auch »Wie die Welt noch einmal davonkam«) und »Die Stimme des Herrn«. In dem 1964 veröffentlichten Essay-Band »Summa technologiae« setzt sich Lem kritisch mit Erwartungen an zukünftige technologische Entwicklungen auseinander.

Während Lems frühe Werke bei aller Ironie und Kritik von großer Faszination von den Möglichkeiten des technischen Fortschritts geprägt sind, zeigt sich ab Ende der 1960er-Jahre immer deutlicher Lems pessimistische Einschätzung hinsichtlich der Fähigkeit des Menschen, dieses Potenzial in sinnvoller Weise zu nutzen. Lem ging auf Distanz zum Genre Science Fiction und legte mit dem Essay-Band »Futurologie und Phantastik« eine Analyse über dessen Ist-Zustand vor, in der die Melancholie über die verschenkten Chancen einer Erzählform dominiert. Mit seinen fiktiven Rezensionen und Vorworten zu vorgeblich in der Zukunft erschienen Büchern fand Lem in den 1970er- und 80er-Jahren eine literarische Form, mit der er die Grenzen der Science Fiction hinter sich ließ.

1982 verließ Lem sein Heimatland Polen, nachdem dort das Kriegsrecht verhängt wurde. Er verbrachte zunächst ein Jahr am Wissenschaftskolleg in Westberlin. Danach lebte er in Wien, wo die Romane »Frieden auf Erden« und »Fiasko« entstanden. 1988 kehrte er nach Krakau zurück. Er erklärte, keine belletristischen Werke mehr verfassen zu wollen (und hielt sich daran) — man könne den Weg der Menschheit nicht dadurch verbessern, daß man Prognosen schreibe, so seine Überzeugung. Bis zu seinem Tod im Jahr 2006 lebte er zurückgezogen mit seiner Familie in einem Vorort von Krakau. Gelegentlich meldete er sich mit Essays zu Wort und war, seinem Ruf als genialer Visionär gemäß, ein begehrter Interviewpartner, wenn es galt, die gesellschaftliche Relevanz technologischer Entwicklungen zu hinterfragen.

Werke

Science Fiction

  • Człowiek z Marsa (1946; dt. Der Mensch vom Mars, 1989)
  • Astronauci (1954; dt. Der Planet des Todes, 1954; später unter dem Titel Die Astronauten)
  • Obłok Magellana (1955; Gast im Weltraum, 1956)
  • Dzienniki gwiazdowe (Erzählungen, 1957; dt. Die Sterntagebücher des Weltraumfahrers Ijon Tichy, 1961; später unter dem Titel Sterntagebücher)
  • Eden (1959; dt. Eden, 1960)
  • Solaris (1961; dt. Solaris, 1961)
  • Pamiętnik znaleziony w wannie (1961; dt. Memoiren, gefunden in der Badewanne, 1974)
  • Powrót z gwiazd (1961; dt. Transfer, 1974; später unter dem Titel Rückkehr von den Sternen)
  • Niezwyciężony (1964; dt. Der Unbesiegbare, 1967)
  • Bajki robotów (Erzählungen, 1964; dt. Robotermärchen, 1969)
  • Cyberiada (1965; dt. Kyberiade, 1983; auch unter dem Titel Wie die Welt noch einmal davonkam)
  • Opowieści o pilocie Pirxie (1968; dt. Eintritt nur für Sternenpersonal, 1978)
  • Głos Pana (1968; dt. Die Stimme des Herrn, 1981)
  • Kongres futurologiczny (1971; dt. Der futurologische Kongreß, 1974)
  • Golem XIV (1981; dt. Also sprach Golem, 1984)
  • Wizja Lokalna (1982; dt. Lokaltermin, 1985)
  • Pokój na ziemi (1986; dt. Frieden auf Erden, 1986)
  • Fiasko (1986; dt. Fiasko, 1986)

»Fiktive Rezensionen«

  • Doskonała próżnia (1971; dt. Die vollkommene Leere, 1973; auch unter dem Titel Das absolute Vakuum)
  • Wielkość urojona (1973; dt. Imaginäre Größe, 1976)
  • Prowokacja (1980; dt. Provokation, 1981)
  • Biblioteka XXI wieku (1986; umfasst die bereits 1983 in deutscher Übersetzung erschienenen fiktiven Rezensionen »Eine Minute der Menschheit«, »Waffensysteme des 21. Jahrhunderts« und »Das Katastrophenprinzip«)

Essays

  • Dialogi (1957; dt. Dialoge, 1980)
  • Summa technologiae (1964; dt. Summa technologiae, 1976)
  • Filozofia przypadku (1968; dt. Philosophie des Zufalls, 1983)
  • Fantastyka i futurologia (1970; dt. Phantastik und Futurologie, 1977)
  • Bomba megabitowa (1999; dt. Die Megabit-Bombe, 2003)
  • Okamgnienie (2000; dt. Riskante Konzepte, 2001)

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