Inception

Regie: Christopher Nolan
Start: 2010
Darsteller: Leonardo DiCaprio, Marion Cotillard, Ken Watanabe, Ellen Page, Joseph Gordon-Levitt, Tom Hardy, Dileep Rao, Cillian Murphy

Die Idee

Inception bedeutet so viel Beginn. Nolans Film versucht, sich der Frage zu nähern, wie Träume in unsere Köpfe hineinkommen, wie und wo sie ihren Anfang nehmen. Ist es möglich, auf Träume Einfluss zu nehmen, auf die eigenen oder gar die von anderen? Wenn ja, wäre es dann nicht auch möglich, jemandem einen Traum als Keim in seinem Kopf einzupflanzen, also quasi einen Traum zu erschaffen? Träume sprechen in Bildern, die oftmals Zitate sind. Aber woraus zitieren sie? Manchmal aus der Realität, manchmal aus anderen Träumen. Oder aus den Träumen anderer, dem kollektiven Unbewussten? Nolan geht noch einen Schritt weiter und lässt seine Figuren kollektiv träumen, um eine bestimmte Mission zu erfüllen. Das ist natürlich Science-Fiction.

Inception ist aber nicht nur ein Film über das Träumen. Wie Träume sprechen auch Filme in Bildern, die oftmals Zitate sind. Manchmal setzt der Regisseur diese Zitate bewusst ein, machmal zitiert er unbewusst, gewissermaßen aus dem kollektiven kulturellen Gedächtnis. Wenn aber alles schon irgendwie da ist, nur ständig neu zusammengesetzt wird, kann es dann so etwas wie Originalität oder einen kreativen Schöpfungsakt überhaupt geben? Wenn ich es richtig sehe, gibt Nolan hierauf eine Antwort, die dem Paradigma der Schwarmintelligenz widerspricht. Abgrenzung statt totale Vernetzung ist demnach die Voraussetzung, damit aus Träumen eigene Gedanken werden und aus diesen — vielleicht, manchmal — etwas ganz Neues entsteht. Oder weniger hart: zumindest sollte man aufpassen, mit wem man seine Träume teilt.

Die Story

Dominic Cobb verdient sein Geld als Traumspion. Zusammen mit einem kleinen Team konstruiert er einen kollektiven Traum, an dem auch das Opfer teilnimmt. Im kollektiven Traum kann er geheimste Gedanken aus dem Gehirn des Opfers extrahieren; andere Teammitglieder sind für die richtige Traumkulisse, das rechtzeitige Aufwachen usw. verantwortlich. Man nennt diese Technik »Extraktion« und sie hat sich so sehr zu einer üblichen Variante der Wirtschaftsspionage entwickelt, dass die potenziellen Opfer ebenso routinemäßig Trainingsprogramme absolvieren, in denen sie lernen, sich gegen Angriffe von Traumspionen zu schützen. Natürlich sind die Trainer im Prinzip die gleichen Leute wie die Spione; es kommt nur darauf an, wer den Job bezahlt.

Cobb ist ein sehr guter Traumspion, doch er hat ein Problem. Früher hat er zusammen mit seiner Frau Mal die wunderbarsten Traumwelten erschaffen. Sie war eine Traumarchitektin, wahrscheinlich die Beste. Das gemeinsame, kreative Träumen hat das Paar so zusammengeschmiedet, dass sie eigentlich niemand anderes mehr brauchten. Irgendwann hatte sich Mal so in dieser Welt verloren, dass sie ihren Traum für die Realität und die Realität für einen Traum hielt. Selbst ihre beiden leibhaftigen Kinder hielt sie für »Projektionen« der selben. Als Traumexpertin wusste sie, was sie tun muss, um aus einem Traum aufzuwachen: sterben, zum Beispiel fallen. Keinesfalls möchte sie ohne ihren Mann in die vermeintliche Realität zurückkehren (sterben), weshalb sie ihr Aufwachen (ihren Selbstmord) so organisiert, dass er im Falle einer Weigerung als ihr Mörder erscheinen wird. Cobb ist sich jedoch in seiner Unterscheidung zwischen Traum und Realität so sicher, dass er sich, schon der Kinder wegen, nicht erpressen lässt. Hilflos muss er ansehen, wie sich Mal vor seinen Augen aus dem Hotelfenster stürzt.

Seitdem ist Dom Cobb mehrfach gehandicapt. Er trauert um die Frau, die seine Geliebte, seine Traumgefährtin und die Mutter seiner Kinder war. Er gibt sich die Schuld an ihrem Tod, denn er selbst war es, der sie auf die Idee gebracht hat, Traum und Realität zu spiegeln. Er kann nicht mehr nach Hause zu seinen Kindern, weil er in den USA wegen Mordes an seiner Frau gesucht wird. Er muss sich in seinem Job, also in seinen Träumen, vorsehen, weil dort überall Mal auftaucht, die ihn in ihre Welt ziehen möchte, aus der er nie mehr in die echte zurückkehren könnte. Marion Cotillard spielt ihre Rolle wunderbar; mit großen, feuchten Augen versucht sie wie eine Nixe ihren Geliebten in die Tiefe zu ziehen (nicht des Wassers, sondern der allertiefsten Traumschichten, aus denen niemand mehr auftaucht), und DiCaprio ist genau der Richtige, der solcher Verlockung nur gerade eben so widerstehen kann. Sinnigerweise taucht er denn auch, als Mal ihr Ziel fast erreicht hätte, mit letzter Kraft aus dem Meer wieder auf.

Mal kennt Doms Träume so gut, dass er die für den jeweiligen Einsatz nötige Traumarchitektur nicht mehr selbst entwirft, sondern einem anderen diesen Part überlässt. In dieser Phase tritt der japanische Unternehmer Saito mit einem ganz besonderen Auftrag an ihn heran: er wünscht keinen Traumdiebstahl (Extraktion), sondern eine »Inception«, das Einpflanzen eines Traums in das Gehirn eines Konkurrenten. Der Lohn für diese Arbeit wäre für Cobb die Rettung: Saito hat so viel Einfluss, dass er die Aufhebung der Mordanklage veranlassen kann. Cobb wäre ein freier Mann und könnte nach Hause zu seinen Kindern. Er heuert ein Team an, darunter als talentierten Neuling die angehende Traumarchitektin Ariadne, die die verwinkeltsten Traumlabyrinthe kreiert, dabei aber immer hübsch den Faden in der Hand behält, um wieder herauszufinden.

Robert Fisher, Zielperson der Inception, ist Erbe eines Mega-Unternehmens, und sein Vater liegt im Sterben. Der alte Fisher hat ein Firmen-Imperium aufgebaut, dass durch seine Dominanz den freien Handel bedroht. Das ist schlecht für die Menschheit, vor allem aber für kleinere Unternehmen wie das von Saito. Das beste wäre also, Fisher junior würde das Imperium nach dem Tod seines Vaters auflösen, und genau diese Idee soll Cobbs Team in sein Hirn einpflanzen. Wie sie das tun, ist bizarr wie ein Traum — denn es gechieht ja in einem Traum. Der Einsatz und damit der Traum findet statt auf einem Langstreckenflug mit Robert Fisher, unmittelbar nach dem Tod des alten Fisher. Logische Brüche, falsche Kulissen, der Eindruck, mitunter im falschen Film zu sein, das alles dürfte der Regisseur beabsichtigt haben. Während der Träumer oft noch die absurdesten Traumbilder hinnimmt und nicht erkennt, dass er nur träumt, wird der Zuschauer durch das Erkennen solcher Unstimmigkeiten in seine Realität zurückgeholt: das da vorn auf der Leinwand ist ja nur ein Film! Dieser Film erzählt genau so wenig eine wahre Geschichte wie jeder andere, er gibt es nur nicht einmal vor. Cineasten werden ihre Freude daran haben, die unzähligen Bilder und Zitate zu erkennen, aus denen Nolan seine Traum/Film-Collage zusammengesetzt hat. Der Versuch, aus den Bildern eine Handlung zu rekonstruieren, wäre dagegen ziemlich unvernünftig — schließlich verliert irgendwann sogar Ariadne den Faden und stellt die wunderbare Frage: »Moment mal, in wessen Traum sind wir jetzt eigentlich gerade?« Falls Nolan hier ein Witz über seinen eigenen Film gemacht hat, dann war der wirklich gut.

It was just a dream, but it matters

Zum Schluss noch die Auflösung, welcher Gedanke während des kollektiven Traums in Robert Fishers Kopf gepflanzt (oder sollte man sagen: freigelegt?) wurde, um seine Haltung zur Firma zu ändern: Robert hatte nie ein nahes Verhältnis zu seinem Vater. Er ist überzeugt davon, dass sein Vater von ihm enttäuscht ist und ihm die Firmenleitung nicht zutraut. (In Wirklichkeit — im Traum — ist es ganz anders: enttäuscht ist der Vater nicht, weil Robert nicht so ist wie er, sondern weil er es versucht, anstatt seinen eigenen Traum zu leben.) In einem hilflosen Versuch, in den Stunden des Abschieds so etwas wie Nähe herzustellen, stellt Robert ein Foto am Sterbebett auf, das ihn als kleinen Jungen mit dem Vater zeigt. In der Hand hält der Junge ein selbstgebasteltes Windrad. Enttäuscht sagt Robert (im Traum), der Vater hätte das Bild nicht einmal angesehen. Doch als der Vater seinen letzten Atemzug tut, findet Robert im Tresor neben dem Testament dieses Windrad. Was für ein Bild, im Traum in einem Film über das Träumen.

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