Das verräterische Herz

Originaltitel »The Tell-Tale Heart«
Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe
Erstveröffentlichung 1843 in The Pioneer

Inhalt

Illustration Harry Clarke

Illustration Harry Clarke

Gleich zu Beginn der Geschichte und ehe der Leser weiß, worum es eigentlich geht, beteuert der Erzähler in aufgeregten, fast fiebrigen Sätzen, keineswegs verrückt zu sein. Umgehend ist der Leser in schaurige Spannung versetzt: gleich im nächsten Absatz wird klar, dass hier ein offenbar Wahnsinniger eine grausige Bluttat gesteht. »Das verräterische Herz« ist ein Klassiker der Schauerliteratur und ein schlagender Beweis für Poes Meisterschaft im genau kalkulierten Erzeugen von Emotionen beim Leser. Sollte der gewünschte Effekt nicht eintreten, dann kann es eigentlich nur daran liegen, dass jeder die Geschichte (irgendwie) schon kennt.

Und dies ist die Geschichte: Der Erzähler hat einen alten Mann, seinen Nachbarn, umgebracht und den zerstückelten Leichnam unter den Dielen versteckt. Das Mordmotiv ist weder Geldgier, noch Rachsucht, noch diffuser Hass. Der Mörder kann seinen Beweggrund erschreckend klar benennen:

Es war wohl sein Blick! ja, das war es! Eines seiner Augen glich dem eines Geiers — ein blassblaues Auge mit einem Häutchen darüber. Sooft sein Blick auf mich fiel, stockte mir das Blut in den Adern; und so reifte in mir denn nach und nach — so ganz allmählich — der Entschluss, dem Alten das Leben zu nehmen und so auf immer von dem Auge mich zu befreien.

Der Erzähler ist offenbar von einem unbezähmbaren, irrationalen Hass besessen, der sich nicht gegen den Mann selbst sondern gegen dessen krankes Auge richtet. Gerade die rationale Art und Weise, in der der Täter sein Motiv und sein Vorgehen schildert, lassen ihn als einen Wahnsinnigen, ja Besessenen erscheinen: er beteuert, dass er den Alten liebt, doch eines seiner Merkmale, das kranke Auge, hasst er so über die Maßen, dass er ihn töten muss.

Auch die Tat selbst sowie ihre Entdeckung sind von dieser Mischung aus scheinbarer Vernunft und darunter verborgenem Wahnsinn gekennzeichnet. Der Mörder schleicht sich in mehreren Nächten in das Zimmer des schlafenden Alten, bringt die Tat aber erst über sich, als der schmale Lichtschein seiner Laterne zufällig auf das verhasste, geöffnete Auge fällt. Nach dem Mord versteckt er mit kühlem Kopf die zerstückelte Leiche unter den Dielen, und auch als die Polizei erscheint, verhält er sich so arglos, dass keinerlei Verdacht auf ihn fällt. Seine Tat hätte zum perfekten Verbrechen werden können, doch es ist der in seinem Kopf nistende Wahnsinn, der ihn verrät. Während er von der Polizei befragt wird — in jenem Zimmer, unter dessen Dielen die Leichenteile liegen — meint er, ein immer stärker werdendes Klopfen zu hören: das Herz das Alten. In der irren Überzeugung, dass die Polizisten das Gleiche hören und ihr harmlose Geplauder purer Hohn ist, offenbart er schließlich seine Tat.

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