Zur Übersicht Sterntagebücher | Biografie Stanislaw Lem
Inhalt
Ijon Tichy ist gerade von einer anstrengenden und langwierigen Weltraumexpedition zurückgekehrt, als er in seinem Arbeitszimmer ein unerklärliches Poltern hört. Aus dem gemütlichen Heimabend wird nichts, denn was da eben etwas unglücklich gelandet ist, ist eine Kopie seines eigenen Ichs. Und dieses Ich kommt mit einem Vorschlag, den Ijon Tichy unmöglich ablehnen kann: Er ist vorgesehen als Direktor des wissenschaftlichen Programms TEOPAGHIP (Abkürzung für Telechronische Optimalisierung der Allgemeinen Geschichte durch einen Hyperputer). Dazu muss er ins Jahr 2661 reisen, in ein Zeitalter also, wo Technologien wie Chronomotion und Telechronie längst zum Alltag gehören. Die Gesellschaftsordnung ist dort bestens geregelt und auch das Klima ist prima, nur ein Problem lässt den Angehörigen dieser hochentwickelten Zivilisation keine Ruhe: das ihrer wenig ruhmreichen Geschichte. Also muss die Geschichte geändert werden, was keine prinzipielle Schwierigkeit sein sollte, wenn man über ausgereifte Zeitreise-Techniken verfügt. Und tatsächlich ist die nachträgliche Änderung (»Optimierung«) der Geschichte bei Lem nichts anderes als das übliche Hickhack zwischen ehrgeizigen, selbstverliebten, größenwahnsinnigen — eben höchst unvollkommenen Individuen.
Versessen ist Ijon Tichy auf diesen Job nicht, und wenn er gekonnt hätte, hätte er abgelehnt. Aber er kann nicht: Das listige Ich aus der Zukunft hat die Zeitschleife, auf der es im Falle einer Ablehnung entschwindet, so programmiert, dass sie ein Zeitkreis ist! Es landet also kurz nach seiner Abreise immer wieder in Ijons Haus, und es entspinnt sich immer wieder das gleiche lästige Zwiegespräch. Die einzige Möglichkeit, den Zeitkreis zu durchbrechen, ist Ijon Tichys Einwilligung.
Also schwingt er sich schließlich auf das Chronozykel (grob gesagt eine Kreuzung aus Hexenbesen und Fahrrad) und begibt sich ins Jahr 2661. Eigentlich ist alles bestens vorbereitet: Experten aller Schattierungen, Konzeptpapiere, Projektgruppen und selbstverständlich ein großzügig bemessenes Budget stehen dem Direktor zur Verfügung. Der muss nur noch eines tun: Entscheidungen treffen. Trotzdem geht alles gründlich schief. (Angesichts der Unvollkommenheit von Gesellschaft, Natur und Universum sicher keine Überraschung …) Mars und Venus sollten beispielsweise so umgestaltet werden, dass sie zur Besiedlung durch den Menschen taugen. Versehentlich wird dabei aber der Mars in eine unbewohnbare, rote Wüste verwandelt und die Venus mit einer giftigen Atmosphäre umhüllt. Überhaupt ist das Planetensystem der Sonne nur das Ergebnis einer der unzähligen Pannen (Ijon Tichy spricht gar von einer Katastrophe im kosmischen Maßstab): Ein fehlgeleiteter, gigantischer Zeitstrom schlug ein gewaltiges Stück Sternmaterie aus der Sonne heraus, welches zum Urgestein sämtlicher Planeten wurde.
Wenn schon das nachträgliche Umgestalten der unbelebten Materie im Chaos endet, nimmt es nicht wunder, dass die notwendigen Eingriffe in die Evolution der Arten ins Lächerliche entgleiten. Wer sich schon immer fragte, wie die Evolution ein riesengroßes Säugetier hervorbringen konnte, das wie ein Fisch im Wasser lebt, der findet hier eine Antwort. Ijon Tichy kann als Direktor nichts gestalten oder wenigstens gerade biegen – nicht einmal die Erdachse. Seine Macht beschränkt sich darauf, allzu eigensinnige, tollpatschige oder sonstwie unfähige Projektleiter zu suspendieren und zu verbannen – in Raum und Zeit. Auf diese Weise werden sie zu herausragenden Figuren der Menschheitsgeschichte, so zum Beispiel ein gewisser H. Bosch, der in der Evolutionsabteilung tätig war, dort aber dermaßen absonderliche Wesen kreierte, dass ihn Tichy glatt ins Mittelalter verbannen musste.
Wer so neugierig ist zu erfahren, was zum Beispiel ein Bosch noch in petto hatte, der mag sich seine Bilder ansehen.
Im Übrigen ist H. Bosch einer der wenigen Geschichts(um)gestalter, die im Jahr 2661 unter exakt dem gleichen Namen agieren, wie in ihrer Verbannungszeit. Allzu schwierig dürfte es aber auch wieder nicht sein, Namen wie Harry S. Totteles oder Nardeau de Vince zu entschlüsseln. Oder?