Der blonde Eckbert

Kunstmärchen von Ludwig Tieck
Erstveröffentlichung 1797

Das Kunstmärchen »Der blonde Eckbert« zählt zu den frühesten Werken der Romantik. Es erschien erstmals in der Sammlung »Volksmährchen« (hg. von Ludwig Tieck unter dem Pseudonym Peter Lebrecht), die auch die bekannten Märchenspiele »Der gestiefelte Kater« und »Ritter Blaubart« enthielt.
Mit seinen Motiven –  Kindesmisshandlung, Verlassenheit, verdrängte Schuld, Wahnsinn und Mord –.kann »Der blonde Eckbert« als frühes Beispiel der Horrorliteratur angesehen werden.

Inhalt

Auf seiner Burg im Harz lebt der Ritter Eckbert mit seiner Frau Bertha, die die Einsamkeit ebenso sehr liebt wie er selbst …

… und beide schienen sich von Herzen zu lieben, nur klagten sie gewöhnlich darüber, dass der Himmel ihre Ehe mit keinen Kindern segnen wollte.

Nie ist der blonde Eckbert in Streitereien verwickelt. Gäste werden auf Eckberts Burg nur selten und mit freundlicher Zurückhaltung empfangen.

Eckbert war alsdann heiter und aufgeräumt, nur wenn er allein war, bemerkte man an ihm eine gewisse Verschlossenheit, eine stille zurückhaltende Melancholie.

Eckberts Melancholie ist Ausdruck seiner unausgesprochenen Erwartung einer Bestrafung für ein Vergehen Berthas in ihrer Jugend. Der einzige Mensch, zu dem Eckbert und Bertha engeren Kontakt knüpfen, ist Philipp Walther, in dem Eckbert einen Seelenverwandten sieht. Eines Abends beschließt Eckbert, sich dem Freund ganz zu öffnen:

»Freund, Ihr solltet Euch einmal von meiner Frau die Geschichte ihrer Jugend erzählen lassen, die seltsam genug ist.«

Bertha erzählt nun ihre Geschichte. Demnach wurde sie als Tochter eines armen Hirten geboren. Oft gab es nicht genug zu essen, und Vater und Mutter gerieten wegen der Armut miteinander in Streit. Ihrem Selbstbild nach ist Bertha ein »dummes« und »unnützes« Kind, das wenig Geschick und Neigung zeigt, den Eltern bei ihrer Arbeit zu helfen. Stattdessen gibt sie sich Tagträumen hin, die von Rittern und unverhofftem Reichtum handeln. Als Bertha etwa acht Jahre alt ist, greift der Vater hart durch:

… er setzte mir mit Drohungen hart zu, da diese aber doch nichts fruchteten, züchtigte er mich auf die grausamste Art und fügte hinzu, dass diese Strafe mit jedem Tage wiederkehren sollte …


In ihrer Verzweiflung flieht Bertha — ohne Ziel und mutterseelenallein — in den Wald. Nach einigen Tagen begegnet sie einer wunderlichen alten Frau, die sie wie eine Tochter in ihrer Waldhütte aufnimmt. Die Alte gibt ihr nicht nur Unterkunft und Nahrung, sondern Geborgenheit, ein Gefühl, das das Mädchen bisher nicht kannte. Oft ist die Alte eine zeitlang fort, anfangs für ein paar Stunden, später Tage und Wochen. Bertha versorgt dann die beiden Haustiere, einen kleinen Hund und einen seltsamen Vogel, der immer wieder das gleiche Lied singt:

Waldeinsamkeit
Die mich erfreut,
So morgen wie heut
In ew’ger Zeit
O wie mich freut
Waldeinsamkeit.

Als Bertha etwa zwölf Jahre alt ist, vertraut ihr die Alte an, was es mit dem Vogel für eine Bewandnis hat: Jeden Tag legt dieser ein Ei, und zwar kein gewöhnliches, sondern eine Perle oder einen Edelstein. Bertha lernt von der Alten spinnen und lesen. Aus dem, was sie liest, formt sie sich ihr Bild von der Welt. Zunehmend genießt sie die Abwesenheit der Alten, denn dann fühlt sie sich als Gebieterin des Hauses. Im Alter von vierzehn Jahren löst sie sich auf höchst undankbare Weise von der Frau, die sie gerettet und behütet hat. Mit dem kostbaren Vogel sowie einem kleinen Vermögen an Perlen und Edelsteinen macht sie sich auf in die Welt. Das Hündchen, an dessen Namen sie sich beim besten Willen nicht erinnern kann, bindet sie in der Hütte fest und gibt es damit dem Tod durch Verhungern preis.

In ihrer Fantasie hatte sie sich oft ausgemalt, dass sie, zu Reichtum gelangt, ihre Eltern aus Armut und Not retten würde. Deshalb steht das Ziel ihrer Flucht fest. Doch in ihrem Heimatdorf muss sie erfahren, dass beide Eltern schon seit drei Jahren tot sind.

… das, worauf ich am meisten immer im Leben gehofft hatte, war für mich auf ewig verloren.

Der Vogel hatte seit der Flucht schon lange nicht mehr gesungen, doch dann singt er eines Nachts unaufhörlich sein altes Lied mit verändertem Text:

Waldeinsamkeit
Wie liegst du weit!
O Dir gereut
Einst mit der Zeit
Ach einz’ge Freud
Waldeinsamkeit.

In dieser Nacht erwürgt Bertha den Vogel. Nach der Schilderung dieser Untat endet Berthas Geschichte abrupt mit dem Satz:

Schon lange kannt’ ich einen Ritter, der mir überaus gefiel, ich gab ihm meine Hand — und hiermit, Herr Walther, ist meine Geschichte geendigt.

Neben Eckbert gibt es nun einen zweiten Menschen, der von Berthas Schuld weiß. Eckbert bereut noch am gleichen Abend, seine Frau zu dieser Vertraulichkeit veranlasst zu haben. Anstatt die Freundschaft zu vertiefen, ist durch die Offenbarung eine unheilvolle Mitwisserschaft entstanden. Vermutlich hegt Eckbert gegenüber seiner Frau — bei aller Liebe — auch negative Gefühle, die er sich selbst nicht eingesteht und nun auf seinen Freund Walther projiziert. Und tatsächlich verhält sich Walther — in Eckberts Wahrnehmung — schon am nächsten Morgen und beim Abschied weniger herzlich, als es seiner Gewohnheit entspricht. Seine Besuche auf Eckberts Burg werden seltener und kühler.

Bertha ist seit jenem Morgen krank, und ihr Zustand verschlechtert sich zusehends. Schließlich vertraut sie ihrem Mann an, was sie quält: Walther hatte bei der Verabschiedung an jenem Abend einen Satz gesagt, der ihre verdrängten Schuldgefühle mit einem Schlag an die Oberfläche gebracht hat:

Ich kann mir Euch recht vorstellen, wie Ihr den kleinen Strohmi füttertet.

Strohmi ist der seit Jahrzehnten vergessene Name des Hündchens! Wie kommt es, dass Walther ihn weiß? Und vor allem: Was weiß er sonst noch? Eckbert sieht seine Frau leiden, und Schuld ist seiner Meinung nach Walther, der einzige Mann, dem er je vertraute. An einem stürmischen Wintertag tötet er Walther mit einem Schuss aus der Armbrust. Als er von dieser Tat auf seine Burg zurückkehrt, ist Bertha tot. Von nun an ist es Eckbert selbst, der von Schuldgefühlen gequält wird:

Die Ermordung seines Freundes stand ihm unaufhörlich vor Augen, er lebte unter ewigen inneren Vorwürfen.

Auf der Suche nach Zerstreuung begibt er sich gelegentlich in die Stadt, wo er den Ritter Hugo von Wolfsberg kennenlernt. Der scheint ihm gegenüber freundschaftliche Gefühle zu hegen, und Eckbert wiederum sehnt sich nach einem neuen Freund. Doch nach seiner Missetat ist er nicht mehr in der Lage, reine Freundschaft zu empfinden. Sein Gewissen sagt ihm, dass Hugo ihm nur aus Unkenntnis seines wahren Charakters zugetan ist. Würde er ihn auch lieben, wenn er wüsste, dass er ein Mörder ist? In einem Moment besonderer Vertrautheit offenbart Eckbert sich seinem neuen Freund — um die gleiche Enttäuschung zu erleben, wie zuvor mit Walther.

Hugos unmittelbare Reaktion ist von Mitgefühl und wahrer Freundschaft geprägt. Doch als Walther ihn kurz darauf bei einem Fest trifft, scheint ihm Hugos Verhalten kühl und unverbindlich. Statt mit ihm unterhält sich Hugo ausgiebig und vertraulich mit einem alten Ritter, wobei die beiden immer wieder zu Eckbert schauen. Eckberts Unfähigkeit zu vertrauen steigert sich zum Wahnsinn. Er sieht im Saal Walthers Gesicht, seine wohl bekannte Gestalt. Und plötzlich ist es Walther, mit dem sich Hugo so angeregt unterhält.

Eckbert flieht auf seine Burg, findet dort aber keine Ruhe. Er begibt sich zu Pferd in einsamste Gegenden, und als er nach Tagen erstmals wieder einen Menschen trifft (einen alten Bauern), ist es für ihn niemand anders als Walther. Voller Entsetzen reitet er sein Pferd zu Schanden und geht zu Fuß weiter. Schließlich hört er im Wald einen Vogel, der das wunderliche Lied von der Waldeinsamkeit singt. Da erscheint eine alte Frau:

»Bringst Du meinen Vogel? Meine Perlen? Meinen Hund?«, schrie sie ihm entgegen. »Siehe, das Unrecht bestraft sich selbst. Niemand als ich war Dein Freund Walther, Dein Hugo — «

Eckbert beginnt den Abgrund zu erkennen, an dessen Rand er sein stilles und scheinbar friedliches Leben errichtet hat. Doch die Alte hat noch mehr zu enthüllen. Bertha war eine uneheliche Tochter seines eigenen Vaters und wurde auf Drängen der Ehefrau zu jenem Hirten gegeben, den Bertha für ihren Vater hielt. Eckbert hat also all die Jahre mit seiner Halbschwester zusammengelebt. Seine düsteren Ahnungen haben ihre Wurzel in Bemerkungen, die er als Kind aufgeschnappt hat, ohne sie interpretieren oder in einen Zusammenhang bringen zu können. Walther stirbt in geistiger Umnachtung, und das letzte, was er hört, ist das Bellen des Hundes und des Lied des Vogels.

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