Märchenparodie von Walter Moers
Erstveröffentlichung 2000
Obwohl einiges auf Walter Moers als Autor hindeutet, gibt der sich ganz bescheiden als Übersetzer eines gewissen Hildegunst von Mythenmetz, dem auch hierzulande nicht mehr ganz unbekannten größten Dichter Zamoniens. Hildegunst von Mythenmetz ist ein mehrere Hundert Jahre alter Lindwurm und der Verfasser einiger weiterer von Moers übersetzter Romane, die allesamt in Zamonien spielen (Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär, Rumo & die Wunder im Dunkeln, Die Stadt der träumenden Bücher, Der Schrecksenmeister). Dass von Mythenmetz hin und wieder von der eigentlichen Geschichte abschweift, wird den Leser kaum stören, denn Moers ist ein hervorragender Übersetzer
Wo er Verständnisschwierigkeiten vermutet, zitiert er aus Professor Abdul Nachtigallers »Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens«. Unzweifelfhaft aus Moers’ Feder stammt die dem Roman beigefügte »Halbe Biographie des Hildegunst von Mythenmetz«.
Inhalt
Ensel und Krete sind Bruder und Schwester (Zwillinge gar) und verirren sich wie das bekannte Geschwisterpaar Hänsel und Gretel im dunklen Wald. Bevor sie wieder zurück zu ihren Eltern finden, begegnen sie etlichen Vertretern der unangenehmsten zamonischen Daseinsformen, gegen die die Grimmsche Hexe in ihrem Pfefferkuchenhäuschen eine schrullige alte Dame ist.
Das ist kein Wunder, denn das Märchen von Ensel und Krete spielt in einem ganz besonderen Wald: dem Großen Wald im Nordwesten Zamoniens. Der Große Wald ist die Heimat der Buntbären und das liebste Urlausbsziel der übrigen Zamonier. Jedenfalls der anständigen. Denn die Buntbären achten peinlich auf Ordnung und Sauberkeit, scheuen keine Mühe, um ihren Gästen einen ordentlich durchorganisierten Urlaub zu bieten (inklusive diverser harmloser Belustigungen) und haben dabei meist auch noch ein militant-fröhliches Lied auf den Lippen. Wer so etwas amüsant findet, ist genau richtig in Bauming, wo auch die Familie von Ensel und Krete Quartier genommen hat. Die Famile gehört der extrem friedfertigen und harmoniebedürftigen zamonischen Daseinsform der Fhernhachenzwerge an. Für Fhernhachenzwerge ist Bauming definitiv das Richtige.
Ensel und Krete finden das standardisierte Urlaubsprogramm allerdings bald langweilig. Jeden Tag Himbeeren pflücken und auch das nur unmittelbar von einem der überaus gepflegten Waldwege aus? Denn das Verlassen der Wege ist streng verboten — und sehr gefährlich. Ensel, zwar ein Fhernhachenzwerg aber immerhin ein Junge, möchte wenigstens einmal RICHTIG in den Wald hinein laufen und auf einen Baum klettern. Als Krete zu bedenken gibt, man könnte sich verlaufen (und dann …), hat er eine tolle Idee (die schon in früheren Märchen nicht funktioniert hat): Sie markieren ihren Weg im Großen Wald mit Himbeeren. Ensel findet bald eine einladende Eiche, aber das Hochklettern erweist sich als schwieriger als gedacht. Anderthalb Meter vielleicht, dann befindet er:
… »Wir gehen zurück.«
»Wo sind die Himbeeren?« fragte Krete.
Tja. Weg, aufgefuttert. Ensel und Krete haben sich verlaufen und es wird dunkel. Es beginnt das vermutlich größte Abenteuer, dass zwei Fhernhachenkinder je erlebt haben. Sie begegnen unter anderem
- einem Laubwolf: frisst kleine Kinder und kann Bäume hochklettern, ist aber wahrscheinlich nur eine Halluzination,
- einem Stollentroll: ist durch und durch verlogen, deshalb extrem unbeliebt. Weil ihn keiner mag, ist er durch und durch fies.
- Geheimförstern: Buntbären mit speziellen Aufgaben, vermutlich ebenfalls halluziniert,
- einem Meteor: besitzt telephatische Kräfte und schickt Ensel auf eine Reise durch Zeit und Raum,
- und vor allem: der Waldspinnenhexe!!!
Die Pflanzen sind in den seltensten Fällen grün, können manchmal sprechen und sind in einigen Fällen äußerst aggressiv. Zum Beispiel das Treibgras, in dem Krete um ein Haar ein trauriges Ende gefunden hätte. Pilze sind immer giftig bzw. sehen zumindest so aus. Ihre Ausdünstungen wirken halluzinogen, und sie scheinen in irgendeiner Verbindung mit der Waldspinnenhexe zu stehen, die die Kinder in ihr Haus lockt. Um sie zu verspeisen natürlich, und zwar nicht einfach so, sondern auf gar gruselige Art.
Zum Glück werden Ensel und Krete am Ende von Boris Boris gerettet, einem blonden, ziemlich bekloppten Buntbären. Und wenn sie nicht gestorben sind …