Erlkönigs Tochter

Volksballade, von Johann Gottfried von Herder aus dem Dänischen übertragen

»Erlkönigs Tochter« erschien in der von Herder herausgegebenen Sammlung »Volkslieder« (1778-1779, 2 Bände, später unter dem Titel »Stimmen der Völker in Liedern«). Wesentlich bekannter ist heute die Bearbeitung von Goethe (Erlkönig), in der ein Knabe in den Armen seines Vaters vom Elfenkönig phantasiert und stirbt. Bei Herder ist das Opfer ein junger Mann von Rang, den am Vorabend seiner Hochzeit die Tochter des Elfenkönigs mit allerlei Versprechungen zu nächtlichem Tanz verführen will. Der tugendhafte Herr Oluf verhält sich mit Hinweis auf die bevorstehende Hochzeit abweisend, womit er die Elfe tödlich beleidigt. Während bei Goethe offen bleibt, ob der Erlkönig real oder ein Phantasiebild des fiebernden Jungen ist, wird die Welt der Elfen in der Volksballade schlicht als existent vorausgestzt. Entsprechend bieten sich ganz andere Interpretationsansätze an, etwa der, dass Oluf dem Tod hätte entrinnen können, wenn er den Wunsch der Elfe erfüllt und auf diese Weise seinen Respekt vor der anderen Welt gezeigt hätte.

Erlkönigs Tochter

Herr Oluf reitet spät und weit,
Zu bieten auf seine Hochzeitsleut;

Da tanzen die Elfen auf grünem Land,
Erlkönigs Tochter reicht ihm die Hand.

»Willkommen, Herr Oluf! Was eilst von hier?
Tritt her in den Reihen und tanz mit mir.«

»Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,
Frühmorgen ist mein Hochzeittag.«

»Hör an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir,
Zwei güldne Sporne schenk ich dir.

Ein Hemd von Seide so weiß und fein,
Meine Mutter bleicht’s mit Mondenschein.«

»Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,
Frühmorgen ist mein Hochzeitstag.«

»Hör an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir,
Einen Haufen Goldes schenk ich dir.«

»Einen Haufen Goldes nähm ich wohl;
Doch tanzen ich nicht darf noch soll.«

»Und willt, Herr Oluf, nicht tanzen mit mir,
Soll Seuch und Krankheit folgen dir.«

Sie tät einen Schlag ihm auf sein Herz,
Noch nimmer fühlt er solchen Schmerz.

Sie hob ihn bleichend auf sein Pferd.
»Reit heim nun zu dein’m Fräulein wert.«

Und als er kam vor Hauses Tür,
Seine Mutter zitternd stand dafür.

»Hör an, mein Sohn, sag an mir gleich,
Wie ist dein’ Farbe blaß und bleich?«

»Und sollt sie nicht sein blaß und bleich,
Ich traf in Erlenkönigs Reich.«

»Hör an, mein Sohn, so lieb und traut,
Was soll ich nun sagen deiner Braut?«

»Sagt ihr, ich sei im Wald zur Stund,
Zu proben da mein Pferd und Hund.”

Frühmorgen und als es Tag kaum war,
Da kam die Braut mit der Hochzeitschar.

»Sie schenkten Met, sie schenkten Wein;
Wo ist Herr Oluf, der Bräutigam mein?«

»Herr Oluf, er ritt in Wald zur Stund,
Er probt allda sein Pferd und Hund.«

Die Braut hob auf den Scharlach rot,
Da lag Herr Oluf, und er war tot.

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