Roman von Arkadi und Boris Strugazki
Originaltitel »Piknik na Obočine«, Erstveröffentlichung 1972
erste deutsche Übersetzung 1976
Auf Motiven von »Picknick am Wegesrand« beruht der Film Stalker (1979, Regie: Andrei Tarkowski). Der Film weicht in vielerlei Hinsicht vom Roman ab, doch stammt das Drehbuch ebenfalls von den Brüdern Strugazki.
Inhalt
In sechs eng umgrenzten Gebieten der Erde hat es vor einigen Jahren Besuche von Außerirdischen gegeben. Was dabei genau passierte, wer die Außerirdischen waren und warum sie sich so schnell und ohne Kontaktaufnahme wieder zurückgezogen haben — all dies wird in »Picknick am Wegesrand« nicht thematisiert. Vielmehr geht es darum, wie sich die Menschen im Umfeld eines der betroffenen Gebiete — »die Zone« genannt — mit der neuen Situation arrangieren. Charakteristisch für den Roman ist der Kontrast zwischen der Unerhörtheit der Ereignisse und der Vertrautheit der Handlungsmuster, nach denen die Menschen in der Nachbarschaft der »Zone« ihr Leben »nach dem Besuch« gestalten.
Die Zone, ein Teil der nordamerikanischen Stadt Harmont, ist durch den Besuch unbewohnbar geworden und wird vom Militär streng abgeriegelt. Die fremden Invasoren haben unzählige tödliche Fallen hinterlassen, deren Gefährlichkeit auf dem Außerkraftsetzen physikalischer Gesetze beruht. Wissenschaftler versprechen sich von hinterlassenen Gegenständen Aufschluss über das Wesen der Außerirdischen sowie über deren Motive. Unter militärischer Bewachung werden solche »Artefakte« aus der Zone herausgeholt (anfangs von Menschen, später wegen des hohen Risikos von Robotern) und in einem eigens hierfür errichteten Institut wissenschaftlich untersucht. Mit den Jahren, über die sich die Handlung erstreckt, mutet die anfangs völlig rational erscheinende wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Besuch immer mehr wie ein Ritual an. Die Frage, welche Absicht die Besucher verfolgt haben könnten, wird mehr und mehr aufgegeben. Anstatt nach einem Sinn zu fragen, findet man sich damit ab, dass der Besuch etwas Beiläufiges, gar Banales gewesen sein könnte: die Fremden haben kurz auf der Erde Rast gemacht, die Menschen wahrscheinlich gar nicht wahrgenommen, und sind, ihren gefährlichen Unrat zurücklassend aber ohne böse Absicht, wieder verschwunden. So wie Spaziergänger ein kurzes Picknick am Wegesrand abhalten, ohne die kleinen Wesen wahrzunehmen, deren Welt sie dadurch stören.
Das vorher unbedeutende Provinznest Harmont hat durch den Besuch eine Aufwertung erfahren, die in Anbetracht der verheerenden Folgen für die ursprüngliche Bevölkerung makaber erscheint (angesichts realer Katastrophen allerdings auch recht glaubhaft). Neben Militärs und Wissenschaftlern haben sich Abenteurer, Glücksritter und Geschäftemacher im bewohnbaren Teil der Stadt niedergelassen. Denn die Artefakte aus der Zone sind nicht nur Gegenstand wissenschaftlichen Interesses, sondern auch begehrte Sammlerobjekte, für die sich mit der Zeit ein wirtschaftlich bedeutender Schwarzmarkt entwickelt hat. Und diese Entwicklung erscheint absolut folgerichtig: »der Besuch« markiert den Beginn einer neuen Zeitrechnung, nach wenigen Jahren des Versuchs einer rationalen Erklärung beginnt die Mythenbildung, und die dazugehörigen Reliquien sind die von den Außerirdischen hinterlassenen Artefakte.
Eine wichtige Säule des florienden Schwarzmarkts sind Männer, die verwegen genug sind, die begehrten Artefakte aus der Zone herauszuholen. Als Lohn winkt sehr viel Geld, der Einsatz ist allerdings das eigene Leben. Die besten Chancen haben die Erfahrensten, und deshalb ist es nur logisch, dass unter den illegalen »Schatzgräbern« nicht wenige sind, die die Zone in den ersten Jahren nach dem Besuch offiziell in wissenschaftlicher Mission betreten durften. Einer dieser erfahrenen Schatzgräber ist Roderic Schuchart, aus dessen Perspektive die Geschichte größtenteils erzählt wird. Auch ihn lockt das Geld, doch erst nach und nach wird klar, dass es etwas viel Bedeutenderes gibt, was ihn dazu bringt, in der Zone sein Leben zu riskieren: die sagenumwobene goldene Kugel, die angeblich alle Wünsche erfüllen kann. In einem letzten, dramatischen Gang in die Zone gelingt es Schuchart tatsächlich, die goldene Kugel zu erreichen — nur um zu erkennen, dass er unfähig zur Äußerung seiner ureigensten Wünsche ist.