Der Golem

Roman von Gustav Meyrink
Erstveröffentlichung 1913/14 als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift
Die weißen Blätter
Erstveröffentlichung in Buchform 1915

    Hintergrund: Der Golem-Stoff

    Trotz des Titels und obwohl die Handlung in Prag spielt, bildet die Legende des Prager Golem lediglich das vage Fundament der Geschichte, mit dem der Leser einigermaßen vertraut sein sollte. Nach dieser Legende wurde der Prager Golem im 16. Jahrhundert von dem Rabbiner Judah Löw aus Lehm erschaffen. Der Golem hat eine menschenähnliche Gestalt und kann lediglich Befehle ausführen, aber nicht sprechen. Dem Wunsch des Rabbis nach sollte der Golem ihm ein Gehilfe sein (beispielsweise beim Ausfegen der Synagoge) und außerdem die Prager Juden vor den Anfeindungen aus der nichtjüdischen Bevölkerung schützen. Die Erschaffung eines Golem aus Lehm lässt an die Schöpfungsgeschichte denken; doch ebenso wie Adam zwar nach dem Bild seines Schöpfers geformt wurde, ohne ihm vergleichbar zu sein, reicht der vom Rabbi erschaffene Golem nicht an Gottes Schöpfung heran. Zur Legende vom Prager Golem gehört auch die Vorstellung, dass dieser die meiste Zeit reglos wie ein Gegenstand ist und vom Rabbi zum Leben erweckt wird, indem er ihm einen Zettel mit dem Namen Gottes unter die Zunge legt. In Meyrinks Version des Prager Golem geht dieser alle 33 Jahre für kurze Zeit im Judenghetto um.

    Inhalt

    Der Erzähler der (sehr kurzen) Rahmenhandlung ist zu Besuch in Prag und fällt in seinem Hotelzimmer in einen unruhigen Halbschlaf, in dem die Grenze zwischen Traum und Realität nicht mehr auszumachen ist. Auch seine Identität verschmilzt mit Traum- oder Fantasiebildern:

    Ich schlafe nicht und wache nicht, und im Halbtraum vermischt sich in meiner Seele Erlebtes mit Gelesenem und Gehörtem, wie Ströme von verschiedener Farbe und Klarheit zusammenfließen [..]
    Ich weiß nur, mein Körper liegt schlafend im Bett, und meine Sinne sind losgetrennt und nicht mehr an ihn gebunden. –
    Wer ist jetzt »ich« …

    »Ich« ist jetzt der Gemmenschneider Athanasius Pernath, der um 1890 in der labyrinthischen Enge des Judenviertels von Prag lebt. Dieser Athanasius Pernath ist die Hauptfigur der eigentlichen Handlung, und in »seinem« Prag finden sich durchaus reale Gegebenheiten des damaligen Prag wieder. Versetzt sind diese jedoch mit reichlich Magie, Mystik und Okkultismus, sodass zumal der heutige Leser seine Schwierigkeiten haben wird zu unterscheiden: was ist real, was Fantasie?

    Pernath ist Junggeselle, zirka 40 Jahre alt und verdient seinen Lebensunterhalt vor allem durch das Ausbessern von Antiquitäten. Gemessen an den ärmlichen Verhältnissen seiner Umgebung hat er es zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht. Die Schäbigkeit und Enge des Ghettos berührt ihn unangenehm, wobei sein Wunsch nach Distanz eher einer buchstäblichen Berührungsangst als Arroganz geschuldet scheint. Personifiziert wird diese »körperliche« Seite des Ghettos durch den Trödler Aaron Wassertrum und Rosina, seine Tochter (oder Nichte? — auch das weiß man nicht so genau). In der Figur des Trödlers sind jede Menge antijüdischer Klischees versammelt: er ist hässlich, geizig, schlitzohrig, ganz im Gegensatz zu seiner zur Schau getragenen Armut vermutlich recht wohlhabend und vor allem: ein durch und durch unanständiger Mensch. Rosina ist ein Wesen von aufdringlicher Erotik, halb Kind, halb Frau, dem Jungesellen Pernath gar nicht geheuer und, wie sich später herausstellt, tatsächlich eine Hure (allerdings: was ist hier »tatsächlich«?). Meyrink wegen dieser Charaktere Antisemetismus zu unterstellen, wäre jedoch nicht nur deshalb falsch, weil jeder Text im Kontext seiner Zeit zu sehen ist. Im Kontrast zu Wassertrum und Rosina stehen der selbstlose jüdische Archivar Hillel (den Pernath verehrt und der ihm Freundschaft und geistigen Beistand gewährt) und dessen Tochter Mirjam (in die er sich verliebt). Diese beiden außerordentlich positiv gezeichneten  Figuren sind quasi die Vermittler zur »geistigen« Welt des Judenviertels, deren Symbol der Golem ist. Ob Pernath dem Golem tatsächlich begegnet ist, wird im Verlaufe der Geschichte nie wirklich offen- aber mehr als nahegelegt.

    Jedenfalls taucht in Pernaths Werkstatt ein mysteriöser Besucher auf, der ihm ein ebenso mysteriöses Buch zum Restaurieren übergibt. Ehe Pernath weiß, wie ihm geschieht, ist er in ein Geflecht aus Leidenschaft, Intrigen und Verbrechen verstrickt und wird zu seinem Entsetzen des Mordes bezichtigt und in Untersuchungshaft gesteckt. Mitwirkende in dieser aberwitzigen Geschichte sind u.a.

    • ein unehelicher, von Rachsucht erfüllter Sohn des Trödlers Wassertrum
    • ein angesehener Arzt, der den einzig geliebten Sohn des Trödlers der Hochstapelei überführt und zum Selbstmord getrieben hat
    • eine Gräfin, die ihren Gatten mit eben diesem Arzt betrügt, von Wassertrum deswegen erpresst wird, und zu der der Gemmenschneider Pernath in seiner Jugend eine mystisch verklärte Beziehung hatte.

    Als Pernath schon glaubt, nie mehr in Freiheit zu kommen, erweist sich doch noch seine Unschuld. Dass er nur sechs Monate einsaß, kann er selbst kaum glauben. Mag sein, dass er angesichts der düsteren Aussichten jegliches Zeitgefühl verloren hatte. Oder hat die Zeit selbst einen Sprung gemacht? Bei seiner Entlassung stellt Pernath nämlich fest, dass es die Hahnpassgasse, in der er lebte, so nicht mehr gibt. Das Judenviertel wurde teils abgerissen, teils großflächig saniert. Seine Freunde sind verschwunden, und von den jetzt hier Lebenden scheint sich niemand an sie zu erinnern. Auf der Suche nach Hillel und Mirijam versucht er, in ein mysteriöses Zimmer zu gelangen, das keinen normalen Zugang hat, und das den Gerüchten nach in einem Zusammenhang mit dem Golem steht. Da das Zimmer anders nicht zu erreichen ist, muss Pernath sich von oben zum Fenster dieses Zimmers abseilen. Bei diesem Versuch stürzt er ab — eine Szene, die sich der Legende nach bereits beim letzten Auftauchen des Golem, vor 33 Jahren, zugetragen hat.

    Mit diesem Absturz erwacht der Erzähler, der nun nicht mehr Athanasius Pernath ist, sondern wieder der 25 Jahre nach diesen Ereignissen in seinem Hotelzimmer schlafende Besucher Prags. Doch der Traum lässt sich nicht so einfach wegwischen: in seinem Zimmer findet der Träumer einen Hut mit dem eingestickten Namen Athanasius Pernath, den er vor langer Zeit mit seinem eigenen Hut vertauscht hat. Er begibt sich auf die Suche und findet weitere Spuren des Geträumten. Schließlich steht er sich selbst bzw. seinem geträumten Ich gegenüber, das inzwischen mit der noch immer jungen Mirijam verheiratet ist. Es gibt keine Auflösung. Der Träumer und sein Traum-Ich tauschen die offenbar verwechselten Hüte.

    Wo bin ich?

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