Die andere Seite

fantastischer Roman von Alfred Kubin
Erstveröffentlichung 1909

Die andere Seite ist der einzige Roman des österreichischen Grafikers und Illustrators Alfred Kubin (*10. April 1877, † 20. August 1959). Er steht in der Tradition von E.T.A. Hoffmann und Edgar Allan Poe, deren Werke Kubin illustrierte.
Der Ich-Erzähler berichtet von seinen Erlebnissen in der fiktiven Traumstadt Perle, die ihm anfangs als fernes Utopia anlockte und in den etwa drei Jahren der Handlung in einem apokalyptischen Szenario untergeht. 2009 — hundert Jahre nach der Erstveröffentlichung — erschien in der Bibliothek Suhrkamp eine Ausgabe mit den Originalillustrationen Kubins.

Inhalt

Der Erzähler — Zeichner und Illustrator wie Kubin selbst — lebt in kleinen Verhältnissen, aber glücklich verheiratet und beruflich aufstrebend in München. Eines Tages erscheint bei ihm ein unangemeldeter Besucher, der ihm Grüße von seinem fast vergessenen Schulkameraden Claus Patera ausrichtet. Ohne Umschweife kommt der Fremde auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen: Patera ist durch nicht näher benannte Umstände zu unerhörtem Reichtum gekommen, hat mit diesem irgendwo in Zentralasien ein strikt abgeschottetes Reich errichtet und lässt dieses durch Personen seiner Wahl besiedeln. Eine entsprechende Einladung ergeht nun an den Erzähler:

Claus Patera, absoluter Herr des Traumreichs, beauftragt mich als Agenten, Ihnen die Einladung zur Übersiedlung in sein Land zu überreichen.

Was der Fremde über Pateras Traumreich berichtet, ist eigentlich absolut unglaubwürdig. Ein in der übrigen Welt unbekannter Staat im Inneren Asiens, vollständig umgeben von einer dicken Mauer mit einem einzigen, streng überwachten Tor? Unerschöpfliche finanzielle Mittel, mit denen Patera (»der Herr«) in ganz Europa komplette Häuser kaufen, abtragen und in seinem Reich wieder aufbauen lässt? Und von all dem soll bisher niemand etwas bemerkt haben, ebensowenig vom Verschwinden der Übersiedler ins Traumreich? Zwar hat der Erzähler anfangs starke Zweifel, hält den Fremden gar für einen Verrückten, doch macht seine Skepsis freudiger Erregung Platz, als der ihm als »Legitimation« ein Porträt Pateras vorzeigt. Logisch ist das alles nicht. Vielmehr erinnert es an die irrationale Rationalität mancher Träume, in denen der Träumer die unglaublichsten Geschehnisse akzeptiert, ohne aus seinem Traum herauszufallen. (»Eigentlich hätte ich doch an dieser Stelle merken müssen, dass ich träume.«) Die in dieser Anfangsszene noch vorsichtig angedeutete Verflechtung von Traum und Realität durchzieht den gesamten Roman. Allerdings weichen die anfangs hoffnungsvoll-fantastischen Träumereien später Halluzinationen und Wahnvorstellungen, die im apokalyptischen Untergang des Traumreiches gipfeln.

Der Erzähler nimmt nach anfänglichem Zögern die Einladung an und reist mit seiner Frau im Orientexpress Richtung Osten, entlang der altbekannten Route: München — Constanza — Batumi — Baku — Samarkand. Dort bekommen die beiden eine Vorahnung von den weniger schönen Seiten des Traumreichs und sind entsprechend verstört. Der Erzähler muss seinen Fotoapparat zurücklassen, denn alles »Fortschrittliche« ist Patera zutiefst verhasst. Kleidung nach neuester Mode muss umgearbeitet oder durch Altmodisches ersetzt werden. Alle Habseligkeiten, selbst Bücher und Leibwäsche, werden genauestens inspiziert. Trotz ihres Unbehagens setzen die beiden ihre Reise auf einem Kamelkarren fort und gelangen schließlich nach Einbruch der Dunkelheit an das Tor des Traumreichs. Die hohe Grenzmauer zeichnet sich Unheil verkündend vor dem Nachthimmel ab, und die Frau flüstert im Halbschlaf prophetisch:

Nie mehr komme ich da heraus.

Weiter geht es mit dem Zug, der nicht gerade auf dem neuesten Stand der Technik ist, nach Perle, der Hauptstadt des Traumreiches. Der erste Anblick ist enttäuschend — es wirkt alles irgendwie schäbig, abgelebt und wie mit einer dicken Decke aus Melancholie zugedeckt. Nun gut, macht sich das Paar Mut, man ist um Mitternacht angekommen, da ist wohl nicht allzuviel Leben zu erwarten. Aber ein erster Spaziergang am nächsten Morgen kann den beiden das ungute Gefühl nicht nehmen.

Es war ein trüber Tag.

So wie jeder folgende Tag auch. In Perle scheint niemals die Sonne. Bestenfalls lassen Lichtstreifen auf der immer vorhandenen Wolkendecke ihren Stand erahnen, und nicht selten ist die Stadt in dichten Nebel gehüllt. Das Fehlen der Sonne nimmt auch der Natur ihre Farben; statt saftiger Wiesen und goldener Felder dominieren trübes Grün und tristes Braun. Reizlos ist auch das Klima, das keine heißen Sommer und keine frostig-klaren Winter kennt. Das Schwermütige der Stadt Perle wird gesteigert durch den träge und breit an ihrem Südrand dahinfließenden Fluss Negro, dessen Wasser eine »auffallend dunkle, fast tintige Färbung« hat. Der Stadt selbst ist trotz ihrer Schäbigkeit eine eigentümliche Harmonie nicht abzusprechen. Die in ganz Europa zusammengekauften Gebäude fügen sich, von Patera mit sicherem Instinkt ausgewählt, zu einem Ganzen. Alles folgt einer (nämlich seiner) Idee, nichts ist Zufall, nichts in Spontanität entstanden. So wundert es auch nicht, dass der Erzähler und seine Frau zuweilen das Gefühl haben, ein Gebäude bereits früher an einem anderen Ort schon einmal gesehen zu haben. Auch dieses Prinzip wird dem Leser/Träumer aus seinen eigenen Träumen vertraut sein.

Trotz des unterschwelligen Unbehagens beginnt sich das Paar in Perle einzuleben. Sie beziehen eine hübsche Wohnung zu mäßigem Preis, der Erzähler findet ohne eignes Zutun eine Stelle als Zeichner beim »Traumspiegel«, der wichtigsten (wie sich bald herausstellt: einzigen) Illustrierten von Perle. Schnell gewöhnt man sich an harmlose wie auch an bedenkliche Merkwürdigkeiten. Man kleidet sich wie früher die eigenen Großeltern, und man verlernt den gewohnten Umgang mit Geld. Denn die Wirtschaft des Traumreichs gehorcht nicht den bekannten, halbwegs rationalen Gesetzen, weshalb Tugenden wie Sparsamkeit und Vorausschau nichts nützen. Die Bewohner des Traumreichs sind Marionetten:

Aber ging auch alles noch so sehr drunter und drüber, man fühlte eine starke Hand. Hinter den scheinbar unbegreiflichsten Zuständen witterte man ihre verborgene Kraft. Sie war die geheimnisvolle Ursache, daß sich dabei alles halten konnte und nicht ins Bodenlose stürzte.

Ihn, Patera, kommt der Erzähler nicht zu Gesicht, und das, obwohl er als ehemaliger Schulkamerad in persönlicher Beziehung zu ihm steht. Um eine Audienz bei Patera, ihrem Herrn, zu bekommen, müssen sich seine Untertanen durch eine Bürokratie kämpfen, die nur mit einem Adjektiv zu beschreiben ist, das es zur Entstehungszeit des Romans noch nicht gab: kafkaesk. (Tatsächlich übte Kubins Roman auf Kafka einigen Einfluss aus.) Dass es Patera tatsächlich gibt, obwohl er für seine Untertanen unsichtbar bleibt, lässt sich genau genommen nur aus den allgemeinen Verfallserscheinungen schließen, die sich als Symptome von Pateras Machtverlust überall bemerkbar machen.

Der Sturz ins Bodenlose beginnt für den Erzähler mit dem Tod seiner geliebten Frau, deren Gesundheitszustand sich seit der Übersiedlung ins Traumreich zunehmend verschlechtert hatte. Er hat eine kurze, lieblose Affäre mit Melitta, der schönen, jungen Frau eines Arztes, die scheinbar für jeden zu haben ist. Er betrinkt sich, verfällt ins Arbeitsdelirium und erkennt in einem lichten Moment, dass er weder zum Selbstmord noch zum Leben fähig ist. Und dann bringt die »Stimme«, eine der beiden Tageszeitungen von Perle, eine unerhörte Meldung:

Heute ist der Amerikaner angekommen.

Der Amerikaner heißt Herkules Bell und besitzt angeblich sehr viel Geld. Darin gleicht er Patera, doch ansonsten verkörpert er das gegenteilige Prinzip: Fortschritt gegen Bewahrung des Alten, Rationalität gegen Träumerei, Freiheit gegen Gleichschaltung, ungehobeltes Aufreten gegen Feinsinnigkeit. Und er ist, ganz im Gegensatz zu dem unsichtbaren Patera, extrem präsent. Er wiegelt die Träumer gegen ihren Herrn auf und kann tatsächlich — auch durch den Einsatz von Geld — nicht wenige Gefolgsleute um sich scharen. Die Zustände im Traumstaat werden immer chaotischer. Latent vorhandene Geisteskrankheiten werden zu Massenerscheinungen. Es kommt zu immer mehr Selbstmorden. Prügeleien und Messerstechereien sind an der Tagesordnung.

Schließlich beschreibt Kubin in einem knapp 90 Seiten langen Kapitel mit dem Titel »Hölle« (ca. ein Drittel des Romans!) die vollständige Zerstörung der Traumstadt Perle. Gebäude verfallen in rasendem Tempo. Was einstürzt bleibt liegen, man sucht sich einen Unterschlupf, wo es eben gerade noch möglich ist. Wilde Tiere zeigen sich bar jeder Scheu in der Stadt und sind schon bald die eigentlichen Herrscher. Die Menschen betäuben sich in Ausschweifungen jeglicher Art, die schon zuvor lockeren Sitten steigern sich zum vollkommenen Sittenverfall und dem Verlust aller zivilisatorischer Gepflogenheiten. So etwas wie Empathie scheint es nicht (mehr?) zu geben: jeder erlebt die Hölle, aber jeder erlebt sie für sich allein. Da endlich, inmitten der Apokalypse, zeigt sich Patera dem Erzähler doch:

... und ich faßte meine letzte Kraft zusammen in die Frage: »Patera, warum läßt du das alles geschehen?« — Es kam lange keine Antwort. — Auf einmal rief er mit metallisch tönender Baßstimme: »Ich bin müde!«

Und schließlich doch noch das Versprechen der Erlösung:

Wie aus Urzeiten kam diese Frage her, vor Billionen von Jahren mußten diese Worte gesprochen worden sein, und jetzt erst brachte ich sie hervor, heute hörte man sie hier:
»Patera, warum hast du nicht geholfen?«
Und langsam, leblos senkten sich seine Lider, wobei mir wieder leichter wurde.
In sein Antlitz trat nun unsägliche Milde, ein über die Maßen weicher, trauriger Zug bezauberte mich. Und wieder flüsterte es klar:
»Ich habe geholfen, ich werde auch dir helfen!«

Am Ende wird der Erzähler Augenzeuge des Todes von Patera, in dem er sich auf bizarre Weise mit seinem Widerpart, dem Amerikaner vereint. Dass beide wieder auferstehen, wird angedeutet, im Falle des des Amerikaners ist es gewiss:

Der Amerikaner lebt heute noch, und ihn kennt alle Welt.

Interpretationsansätze

Oft wurde über »Die andere Seite« geschrieben, der 1909 erschienene Roman habe die Greuel des 20. Jahrhunderts vorweggenommen. Sicher ist eine solche Interpretation angesichts des tatsächlichen Gangs der Geschichte möglich. Aber ganz so einfach ist es wohl nicht. Nicht nur, weil die Geschichte der menschlichen Greuelltaten so alt ist wie die Geschichte der Menschheit selbst. Nicht nur, weil man die Bedeutung eines Romans nie am Grad des Eintretens der in ihm enthaltenen Prophezeiungen messen sollte. Sondern vor allem deshalb, weil die von Kubin geschilderte Hölle wohl in erster Linie die »innere Hölle« des Einzelnen — in diesem Fall des Erzählers / Zeichners / Alter Egos — ist.

Kubin schreibt in einer fast naiv anmutenden Sprache, wenn es um die Schilderung des Alltagslebens seines Erzähler geht. Die eigentliche Geschichte, nämlich die des Zerfalls, des Untergangs und der Verzweiflung, erzählt er in so kraftvoller, bildhafter und symbolgeladener Sprache, dass man sich unweigerlich fragt: Wo kommt das alles her? Traumatische Kindheitserlebnisse und ein zumindest schwieriges Verhältnis zu seinem Vater lassen jedenfalls die Interpretation zu, dass sich hier ein junger Mann frei geschrieben hat, um seinen eigentlichen Weg — als bildender Künstler — gehen zu können. Auch in seinen Zeichnungen thematisiert er das Seelische, versucht auch, Traumbilder in seinen Werken festzuhalten. Mehr über das Leben und Werk von Alfred Kubin erfahren Sie zum Beispiel auf www.alfredkubin.at (denn das hier ist eine Seite über fantastische Literatur).

Statt einer Interpretation seien hier die letzten Sätze des Romans »Die andere Seite« wiedergegeben, in denen der Erzähler das Erlebte reflektiert:

Als ich mich dann wieder ins Leben wagte, entdeckte ich, daß mein Gott nur eine Halbherrschaft hatte. Im Größsten und im Geringsten teilte er mit einem Widersacher, der Leben wollte. Die abstoßenden und anziehenden Kräfte, die Pole der Erde mit ihren Strömungen, die Wechsel der Jahreszeiten, Tag und Nacht, schwarz und weiß — das sind Kämpfe.
Die wirkliche Hölle liegt darin, daß sich dies widersprechende Doppelspiel in uns fortsetzt. Die Liebe selbst hat einen Schwerpunkt »zwischen Kloaken und Latrinen«. Erhabene Situationen können der Lächerlichkeit, dem Hohne, der Ironie verfallen.

Der Demiurg ist ein Zwitter.

Wo bin ich?

Sie sind auf der Website der Habenichtse gelandet, einem Portal zum Thema fantastische Literatur & Science Fiction. Neben Inhaltsangaben finden Sie hier Biografien und Artikel zu Begriffen, Genren usw.

Werbung