| Autor | erschienen | Originaltitel |
|---|---|---|
| George Orwell | 1949 | Nineteen Eigthy-Four |
Orwells düstere Vision vom totalitären Überwachungsstaat gehört zu den großen Dystopien des 20. Jahrhunderts. Parallelen gibt es insbesondere zu dem bereits 1920 entstandenen Roman Wir von Jewgenij Samjatin, der im Unterschied zu »1984« wenigstens noch etwas Raum für Hoffnung lässt. In Orwells Szenario, das aufgrund des trockenen, wenig poetischen Stils beklemmend realistisch wirkt, hat das Individuum keine Chance, dem brutalen System der organisierten Lüge zu entkommen. Das Symbol des »Großen Bruders«, dem allgegenwärtigen Überwacher (»Big Brother is watching you«) hat um die Jahrtausendwende durch die bekannte Fernsehshow eine makabere Popularität erlangt.
Inhalt
Ozeanien im Jahr 1984
Krieg ist Frieden
Unwissenheit ist Stärke
Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Gegenwart
Liebe ist Widerstand
Freiheit ist Sklaverei
Auf der Erde existieren noch drei Großstaaten: einer davonn ist Ozeanien, zu dem unter anderem Amerika und die britischen Inseln gehören. In Ozeanien herrscht ein streng hierarchisches System. Über allem wacht »der Große Bruder«, der immer Recht hat. Er ist allgegenwärtig, ohne jemals persönlich in Erscheinung zu treten. Jeder Bürger weiß zu jedem Zeitpunkt: Der Große Bruder sieht, was ich tue und er weiß, was ich denke. Ununterbrochen — bei der Arbeit, in der Öffentlichkeit und in der eigenen Wohnung — sind die Menschen den Teleschirmen ausgesetzt, die Parteipropaganda absondern und sie gleichzeitig observieren. Die Mitglieder der »inneren Partei« bilden eine privilegierte Schicht, die den zwangsläufig aus dem System resultierenden Mangel kaum zu spüren bekommen. Die Mittelschicht stellen die Mitglieder der »äußeren Partei«. In den Elendsquartieren leben die »Proles« — Proletarier.
Ozeanien befindet sich im permanentem Krieg mit einem der beiden anderen Staaten, entweder mit Eurasien oder mit Ostasien. Es kommt vor, dass der Kriegsgegner von einem Tag auf den anderen wechselt. In solchen Fällen wird die Geschichte kurzerhand umgeschrieben — was heute gefälscht wird, war morgen schon immer so. Der Zweck der Kriegsführung ist immer der Krieg selbst. Er ist notwendig, um Produktionsüberschüsse zu vernichten. Ohne den Krieg gäbe es Wohlstand für alle und, schlimmer noch, Menschen mit freier Zeit und Muße, über die bestehende Gesellschaftsordnung nachzudenken. Beides würde das hierarchische System Ozeaniens in seiner Existenz bedrohen.
»Krieg ist Frieden« lautet nicht ohne Grund eine der drei Parolen der Partei, die überall auf Plakaten zu lesen sind. Wer sich dieses Grundes bewusst ist, ist allerdings so gut wie tot — denn diesen Gedanken zu denken, ist ein Gedankenverbrechen, das von der Gedankenpolizei früher oder später aufgedeckt wird. Die Bevölkerung ist zwar permanenter Kriegspropaganda ausgesetzt, bekommt aber von den eigentlichen Kriegshandlungen wenig mit. Ab und zu schlagen Raketen ein, es gibt ein paar Hundert Tote — aber das sind fast immer Proles, und die zählen nicht. Es ist nicht ganz auszuschließen, dass die Bombardierungen von der Partei selbst inszeniert werden, um in der Bevölkerung den Hass zu schüren, der sie euphorisiert und den Mangel klaglos hinnehmen lässt. Jeden Tag wird der gemeinschaftliche Zweiminutenhass veranstaltet, dem sich kein Parteimitglied entziehen kann. Der Höhepunkt des Propagandajahres ist die Hasswoche.
Der wirkliche Krieg findet im Inneren des Staates Ozeanien statt. Wer sich nur der geringsten Abweichung von den Parteidoktrin schuldig — oder auch nur verdächtig — macht, wird vaporisiert: physisch und psychisch vernichtet, und zwar so gründlich, dass nichts mehr an seine Existenz erinnert. Die Vermeidung dieses Schicksals bedeutet ein Maß an Anpassung, dass eine Existenz als Individuum nicht mehr zulässt.
Winston Smith, der Protagonist der Handlung, arbeitet im Ministerium für Wahrheit. Das Ministerium für Wahrheit (»Miniwahr«) hat unter anderem dafür zu sorgen, dass keine Prognose des Großen Bruders jemals mit der tatsächlichen Entwicklung in Widerspruch gerät. Dazu muss gegebenenfalls die Vergangeneinheit umgeschrieben werden — koste es, was es wolle. Unzählige Ministeriumsangestellte wie Winston sind permanent damit befasst, alte Zeitungsartikel und sonstige Dokumente den aktuellen Ereignissen »anzupassen«. In diesem Zusammenhang das Wort »fälschen« auch nur zu denken, wäre ein Gedankenverbrechen. Also ein tödlicher Fehler. Umgeschrieben werden Meldungen auch dann, wenn eine Person zur Unperson geworden ist. Mitglieder der äußeren Partei wie Winston Smith tilgen jeden noch so kleinen Hinweis, dass die betreffende Person jemals existiert hat.
Eine andere Abteilung arbeitet daran, die Sprache immer weiter zu vereinfachen, um feinere Nuancierungen unmöglich zu machen und so die Kommunikation zwischen den Individuen auf ein kontrollierbares Spektrum zu reduzieren. Das eigentliche Ziel ist die Reduktion des Denkens. Das sogenannte »Neusprech« enthält weniger Wörter, keine Adjektive, die das Gegenteil eines anderen bezeichnen, keine Steigerungsformen. Stattdessen werden Vorsilben wie mathematische Operatoren gebraucht, also »ungut« anstatt »schlecht«, »plusgut« anstatt »besser«. Wörter werden umgedeutet, manchmal bis in ihr Gegenteil. Ein Beispiel ist das Ministerium für Wahrheit selbst, das in Wahrheit eine Lügenfabrik ist.
In der Romanabteilung arbeiten Parteimitglieder daran, Groschenhefte, oft pornografischen Inhalts, herzustellen, mit denen die Proles ruhig gestellt werden. Verfassen wäre für diese Tätigkeit das falsche Wort — es handelt sich eher um einen technischen Prozess. Industrielle Textproduktion sozusagen.
Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Gegenwart
Die Doktrin von der »Veränderbarkeit der Vergangenheit« ist eine tragende Säule der Ideologie Ozeaniens. Wenn aber die Vergangenheit jederzeit änderbar ist, dann hört sie auf, als reale Geschichte zu existieren. Die Rebellion des Parteimitglieds Winstons Smith beginnt mit dem Gedanken, dass es unter den vielen Schichten der Fälschung eben doch eine wahre Version der Vergangenheit gibt. Er ringt um seine eigenen Erinnerungen und beginnt, ein Tagebuch zu schreiben. Winston beginnt die Partei zu hassen. Er ist überzeugt von der Existenz der Bruderschaft, einer gegen die Partei gerichteten Untergrundorganisation. Eines Tages tauscht er während des Zweiminutenhasses einen langen Blick mit O’Brien, einem Mitglied der inneren Partei. Dies verstößt so sehr gegen die Regeln, dass Winston sicher ist, ein Mitglied der geheimen Opposition vor sich zu haben. Er steigert sich so in diesen Gedanken hinein, dass er seine Tagebuchnotizen an O’Brien richtet und ihm eines Nachts im Traum begegnet. In diesem Traum sagt O’Brien zu ihm einen Satz, den er als Bestätigung seiner Vermutung interpretiert:
Wir werden uns an dem Ort treffen, wo keine Dunkelheit herrscht.
Immer stärker zieht es Winston in die Viertel der Proles, wo am ehesten noch Spuren der Vergangenheit erkennbar sind. Sein Tagebuch kauft er in einem kleinen Kramladen, zu dem es ihn instinktiv zurückzieht. Bei seinem zweiten Besuch zeigt ihm Mr. Charrington, der Ladenbesitzer, ein altmodisches Zimmer, dass er früher mit seiner Frau bewohnt hat und das eine große Faszination auf Winston ausübt.
Mit Winstons innerem Widerstand wächst auch seine Paranoia — ein falscher Blick, ein falsches Wort, ein kurzes Zögern könnte tödlich sein. Schon fürchtet Winston, dass Julia, eine junge Kollegin aus der Romanabteilung einen Verdacht gegen ihn hegt. Julia ist eine besonders stramme Parteigenossin, engagiert in der Junioren-Gegen-Sex-Liga und die eifrigste beim Zweiminutenhass. Doch dann ist alles ganz anders. Julia steckt Winston heimlich einen Zettel zu, auf dem steht: Ich liebe dich.
Winston fühlt sich mit seinen 39 Jahren alt und vollkommen desillusioniert. Er ist verheiratet, hat aber zu seiner Frau seit langem keinen Kontakt mehr. In seiner Ehe, als es noch eine war, gab es keine Erotik, was ganz den Vorstellungen der Partei entsprach. Sex hat demnach einzig den Zweck, Nachwuchs für das System heranzuschaffen. Für Winstons Frau wäre Sinnlichkeit ein Verbrechen gewesen, hätte sie gewusst, dass es so etwas gibt. Schlimmer noch: überhaupt einen eigenen Gedanken zu haben, ist nicht mit ihrer absoluten Ergebenheit gegenüber der Partei vereinbar.
Die Offerte der jungen, tatkräftigen Julia lässt Winston nicht einen Moment zweifeln. Er hat keine Angst, in eine Falle zu tappen. Seine einzige Angst ist, sie könnte es sich anders überlegen, denn ein Treffen einzufädeln ist angesichts der permanten Überwachung nicht ganz einfach. Es wäre absolut tödlich für beide, würde die Partei von ihrer Beziehung erfahren. Julia arrangiert ein heimliches Treffen auf dem Land — sie scheint in solchen Dingen erfahren zu sein. Der erste Sex ist mehr ein Anschlag gegen die Partei, als ein Liebesakt.
Doch zwischen beiden wächst eine Beziehung, in der die gegenseitige Liebe nicht von der beiderseitigen Ablehnung der Partei zu trennen ist. Nach einem zweiten Treffen an einem konspirativen Ort entschließt sich Winston, das Zimmer im Haus von Mr. Charringteon als »Liebesnest« zu mieten. Die Stunden in diesem Zimmer verbringen Julia und Winston wie ein normales Liebespaar unter normalen Umständen. Sie lieben sich, trinken Kaffee (den es nur auf dem Schwarzmarkt gibt) und reden, reden, reden. Sehr oft natürlich über die Partei und ihre Ablehnung des Lügenstaates. Während Winstons Rebellion das Ergebnis einer Entwicklung und eines Denkprozesses ist, kommt Julias Hass aus dem Bauch. Sie ist sich ihrer Haltung so sicher, dass sie kein Problem damit hat, nach außen die eifrige Parteigenossin zu spielen. Im Unterschied zu Winston glaubt die 13 Jahre jüngere Julia nicht an die Möglichkeit, dass System auch nur im geringsten angreifen zu können. Ihr Ausweg besteht darin, sich durch geschickte Tarnung Freiräume zu schaffen. Winston erzählt Julia von O’Brien und der von ihm vermuteten Untergrundorganisation. Schließlich fasst er den Mut, sich O’Brien zu offenbaren. Gemeinsam mit Julia sucht er ihn auf, um ihrer beider Bereitschaft zum Widerstand zu erklären.
Freiheit ist Sklaverei
Der Mann, auf den Winston all seine Hoffnung gesetzt hatte, ist ein Spion der Gedankenpolizei. Während eines Treffens in ihrem Liebesnest werden Julia und Winston verhaftet und ins »Ministerium für Liebe« gebracht. Auch Mr. Charrington, der Ladenbesitzer, ist ein Verräter und Mitglied der Gedankenpolizei. Über einen Teleschirm, der hinter einem Bild versteckt war, hat er das Paar bei all seinen Treffen beobachtet. Winston wird gefoltert, und er hat allen Grund zu der Annahme, dass Julia das gleiche geschieht. Unter der Folter gesteht er alles, was seine Peiniger hören wollen. Doch Geständnisse, selbst von nicht begangenen Verbrechen, sind der Partei nicht genug. O’Brien, der nach den ersten, routinemäßigen Folterungen die zweite Phase der »Verhöre« übernimmt, will seine Opfer »umerziehen«. Was nichts anderes heißt als Gehirnwäsche. Die Umerziehung ist in O’Briens Augen erst dann erfolgreich, wann er sein Opfer gezwungen hat, die Partei von ehrlichem Herzen zu lieben. Im Falle von Winston ist es die Liebe zu Julia, die nach langen Folterungen noch immer zwischen ihm und der Partei steht. Deshalb wird Winston schließlich ins berüchtigte Zimmer 101 gebracht, in dem jeder Delinquent seine persönliche Hölle erlebt. Winston hat panische Angst vor Ratten, ein Detail, dessen Kenntnis die Partei ihrem Spitzel Charrington verdankt. In Zimmer 101 wird er damit bedroht, dass ihm hungrige Ratten bei lebendigen Leib das Gesicht wegfressen würden. Als Winston darum fleht, seine Folterer mögen dies nicht ihm sondern Julia antun, hat die Partei ihr Ziel erreicht.
Winston wird irgendwann frei gelassen. Als gebrochener Mann, nur noch an Gin interessiert, begegnet er eines Tages Julia. Auch sie wirkt gebrochen, geradezu plump im Vergleich zu früher. Sie gesteht Winston, dass sie ihn in Zimmer 101 verraten hat. Ansonsten ist nichts mehr da, was sie sich zu sagen hätten.