Kristallwelt

Roman von James Graham Ballard
Originaltitel »The Crystal World«
Erstveröffentlichung 1966, erste deutsche Übersetzung 1969

Inhalt

Der Arzt Dr. Sanders arbeitet seit langem auf einer Leprastation in Westafrika. Seine früheren Kollegen Suzanne und Max Clair, die vor einigen Jahren tief im Landesinneren ein Krankenhaus eröffnet haben, berichten Sanders in einem Brief von faszinierenden Erscheinungen im Dschungel: »Das Licht überzieht alles mit Diamanten und Saphiren«. Wer Ballard kennt, weiß: Was in diesem Brief noch aufregend, bizarr und märchenhaft klingt, wird im weiteren Verlauf zu einer der vielen Varianten der Apokalypse, wie sie der Autor in seinem umfangreichen Werk entworfen hat.

Zunächst reist Sanders auf dem Fluss nach Port Matarre am Rande des Dschungels, um von dort aus auf dem Landweg zum tief im Dschungel gelegenen Krankenhaus seiner Freunde zu gelangen. Die Stimmung, die Ballard in den ersten Kapiteln erzeugt, weckt Misstrauen. Einerseits erzählt er fast klischeehaft die romantische Geschichte »Weißer Arzt begibt sich in den Dschungel Afrikas«, andererseits spürt der Leser: Hier stimmt einiges nicht. Zwar gibt es in diesem ersten Teil noch eine deutlich erkennbare Handlung (die in späteren Kapiteln regelrecht gerinnt), doch wirken die beteiligten Personen merkwürdig unmotiviert und emotional isoliert, sodass ihr Handeln nicht immer logisch oder gar zwingend erscheint. Beispielsweise hatte Sanders früher eine Affäre mit Suzanne Claire, doch ist zum Zeitpunkt der Handlung stets von »den beiden Freunden« des Doktors die Rede, als wäre es völlig selbstverständlich, dass ein Mann mit seiner ehemaligen Geliebten und deren Mann gleichermaßen befreundet ist.

Auf dem Schiff begegnet Sanders Pater Balthus, der eine Missionstation in der Nähe des Krankenhauses von Sanders Freunden führt. Der Pater macht ein paar rätselhafte Bemerkungen, doch es bleibt beim Smalltalk. Seine Kabine teilt Sanders mit einem zwielichtigen Kerl namens Ventress, den er nach Möglichkeit meidet. In Port Matarre stellt sich heraus, dass es schwierig wird, nach Mont Royal zu gelangen: Es gibt keine Eisenbahnverbindung und die Buslinie wurde eingestellt. Die Veränderungen des Dschungels, von denen Suzanne Clair in ihrem Brief berichtete, sind offensichtlich von einer Art und einem Ausmaß, dass das betroffene Gebiet zur Sperrzone erklärt wurde. Warum, ist bei den Behörden nicht herauszubekommen. Entsprechend gedeihen die Spekulationen: Gab es politische Unruhen, die eingedämmt werden sollen? Wurde möglicherweise eine riesige Diamantmine entdeckt? Oder ist im Dschungel eine gefährliche Viruskrankheit ausgebrochen, deren weitere Ausbreitung verhindert werden soll?

Bei seinen Bemühungen zur Weiterreise lernt Sanders die Journalistin Louise Peret kennen, die in der Angelegenheit recherchiert. Von Louise erfährt Sanders immerhin etwas mehr als von den Behörden, so spricht sie beispielsweise offen von einem »Notstand«. Der Fotograf, mit dem sie bei ihrer Recherche zusammenarbeiten wollte, ist mit einem Mietwagen in das betroffenen Gebiet gereist, um Aufnahmen zu machen. Seit mehreren Tagen hat die Journalistin keinen Kontakt mehr zu ihm. Zusätzlich beunruhigend sind seine letzten Nachrichten, die, zusammen mit dem Brief von Suzanne Claire und höchst merkwürdigen Beobachtungen in Port Matarre ein apokalyptisches Bild ergeben: Da draußen im Dschungel ist ein noch nie dagewesener Transformationsprozess im Gange, der belebte wie unbelebte Materie kristallisieren lässt. Gerüchten zufolge wurde das gleiche Phänomen in Florida beobachtet und die dortige Bevölkerung evakuiert.
Louise Peret und Dr. Sanders beginnen praktisch unmittelbar nach dem Kennenlernen eine Affäre, die auf seltsame Art gefühlsarm wirkt. Es ist, als hätte das Kristallieren, Einfrieren, Erstarren bereits ihre Seelen erfasst, bevor sie dem Zentrum der Transformation wirklich nahegekommen sind.

Der zweite Teil des Romans ist überschrieben mit »Der leuchtende Mann« und schildert in eindrucksvollen Bildern die bizarren Veränderungen von Materie und Zeit. Der kristallisierende Dschungel bricht das Licht in allen Spektralfarben. Die Vegation ist mit Juwelen und Kristallen überzogen, die an Eisformationen erinnern. Vögel und Krokodile sind mit Edelsteinen geschmückt und teilweise oder völlig erstarrt. Die Temperaturen sinken, je tiefer Sanders in den Dschungel eindringt. Sanders begegnet unter gespenstischen Umständen seinen beiden Reisebekanntchaften vom Schiff wieder und wird Zeuge des mörderischen Kampfes zweier Männer um eine junge, todkranke Frau. Die Juwelen des Dschungels sind für diese junge Frau eine Art Medizin, die den Zerfallsprozess ihres Körpers verlangsamen. Durch dieses Element der Handlung wird offensichtlich, was sich an anderer Stelle vage andeutet: Der Transformationsprozess ist so »perfekt«, dass er nicht nur jegliches Leben zerstört, sondern auch die Zeit selbst zu stoppen scheint.

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