Roman von Philip K. Dick
Erstveröffentlichung 1968
Originaltitel »Do Androids Dream of Electric Sheep?«
Der Roman ist die Grundlage des Kultfilms »Bladerunner« (1982) von Ridley Scott. Dick war in die Produktion des Films einbezogen worden (wenn auch nicht von anfang an); er starb jedoch wenige Monate vor der Uraufführung.
Inhalt
Der Roman spielt in naher Zukunft in San Francisco, allerdings in einer alptraumhaften, postapokalyptischen Szenerie. Die Stadt ist wie der Rest der Erde infolge eines Atomkrieges verwüstet, die meisten Überlebenden sind auf den Mars ausgewandert. Für das großangelegte Auswanderungsprogramm haben die Menschen eigens humanoide Roboter (»Androiden«) konstruiert, die ihnen in puncto Intelligenz weit überlegen sind. Die Androiden haben die Aufgabe, den Menschen bei der Urbanisierung des neuen Territoriums zu helfen, doch werden sie von diesen nicht im entferntesten als lebende Wesen angesehen. Einige Androiden ziehen es vor, auf die Erde zurückzukehren, was ihnen strengsten untersagt ist. Auf der Erde werden sie von »Prämienjägern« wie dem Protagonisten Rick Deckard gnadenlos zur Strecke gebracht.
Anhand der Konfrontation zwischen Mensch und Androide wird die Frage thematisiert, welche spezifisch menschlichen Eigenschaften den Menschen als solchen auszeichnen. Oder noch einfacher gesagt: Was macht den Menschen zum Menschen? Die These, dass dies die Empathie, also die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen sei, wird Deckard anfangs als Überzeugung mit auf den Weg gegeben. Im Verlaufe der Handlung gerät sie immer mehr ins Wanken. Am Ende bleibt die Frage: Wenn es nicht Empathie, was uns zu Menschen macht — was ist es dann? Es ist weniger der postapokalyptische Plot als die Ratlosigkeit in Bezug auf diese Frage, die den Roman für den Leser so verstörend macht.
Themen, Motive
Das zentrale Thema des Romans, nämlich, was den Menschen von Androiden unterscheidet, wurde im Film »Blade Runner« übernommen. Im Film tritt die mit dieser Frage verbundene Paranoia noch etwas stärker in den Vordergrund, u.a. dadurch, dass am Ende angedeutet wird, Rick Deckard könnte selbsr ein Androide sein. Daneben gibt es im Roman eine Reihe von Handlungssträngen bzw. Motiven, die im Film weggelassen wurden.
Tiere und elektrische Tiere
Eines der interessantesten Elemente ist die melancholische Liebe der Menschen zu Tieren. Viele Tierarten sind bereits ausgestorben, von anderen leben nur noch wenige Exemplare, die entsprechend begehrt und teuer sind. Wer sich kein echtes Tier leisten kann, hält sich zumindest eines der täuschend echt nachgemachten. So auch Rick Deckard und seine Frau (die im Film ebenfalls nicht vorkommt). Das echte Schaf der beiden ist verstorben, weshalb sie sich nun ein elektrisches Schaf auf ihrer Dachterrasse halten. Ein Tier ist in dieser postapokalyptischen Gesellschaft eindeutig ein Statussymbol, aber es ist mehr als das. Durch die liebvolle Pflege eines Tieres demonstriert ein Mensch sich und anderen, dass er zur Empathie fähig — also ein Mensch — ist. Die Sehnsucht nach einem echten Tier und die damit verbundene Notwendigkeit, das erforderliche Geld zu beschaffen, ist für Deckard die Hauptmotiv für seinen Job, der darin besteht, Androiden zu töten. Der Titel »Träumen Androiden von elektrischen Schafen« ist also gewissermaßen eine andere Formulierung der Frage, mit der sich Deckard immer klarer konfrontiert sieht: Ist mein Feind, der Androide, nicht am Ende genau so ein Mensch wie ich?
Menschliche Sonderfälle
Was im Film ebenfalls nicht umgesetzt wurde, ist die scharfe Unterteilung der »echten« Menschen in zwei Klassen, die die Konfrontation zwischen Mensch und Androide auf sarkastische Weise spiegelt. »Normale« Menschen wie die Deckards könnten auswandern, wenn sie wollten bzw. die Ausreise ist sogar erwünscht. Von der Ausreise ausgeschlossen sind dagegen die sogenannten »Sonderfälle«, Menschen, deren Erbgut so stark geschädigt ist, dass sie unfruchtbar sind. An anderer Stelle werden sie auch als »degeneriert« bezeichnet. Die Sonderfälle verrichten niedrige Arbeiten und hausen wie Aussätzige, isoliert in fast unbewohnten Wohnblocks, die kaum mehr als Ruinen sind. Ein solcher Sonderfall ist J.R. Isidore, der zwei verschiedene Handlungsstränge des Romans miteinander verknüpft: zum einen ist er Fahrer bei einer Reparaturwerkstatt für elektrische Tiere (euphemistisch als Tierklinik bezeichnet), zum anderen gewährt er einer entflohenen Androidin Unterschlupf, die auf Deckards Abschussliste steht.
Mediale Beeinflussung
Ein weiteres im Film allenfalls angedeutetes Thema ist die permanente Einflussnahme der nicht direkt in Aktion tretenden Obrigkeit auf die Psyche der Menschen. Eine Ausprägung dieser Einflussnahme ist die »Stimmungsorgel«, mit der man sein mentales Befinden programmieren kann. Dass dies nicht allzu gut funktioniert, wird bereits auf den ersten Seiten des Romans klar: Deckards Frau leidet offensichtlich an einer Depression und ist eben wegen ihrer niedergedrückten Stimmung unfähig, die Stimmungsorgel auf ein für sie günstigeres Programm einzustellen.
Eine wichtige Rolle spielt der »Mercerismus«, eine Pseudoreligion, deren zentraler Glaubensgrundsatz das Gemeinschaftsgefühl ist. Praktiziert wird der Mercerismus v.a. mithilfe der »Einswerdungsbox«, die ihrem jeweiligen Benutzer des Gefühl vermittelt, unter Schmerzen mit anderen zu verschmelzen, »eins zu werden«. Am Ende stellt sich das Ganze natürlich als Schwindel heraus: die von der Einswerdungsbox vergegaukelte Szene entstammt einem alten Hollywoodschinken und Wilbur Mercer, der Begründer der Religion, ist in Wirklichkeit ein alkoholsüchtiger, heruntergekommener Schauspieler.
Für den heutigen Leser geradezu befremdlich vertraut wirkt der Entertainer Buster Freundlich, der 23 Stunden am Tag mit seiner aufheiternden Sendung im Fernsehen zu sehen ist und dort ungeachtet des überall sichtbaren Notstands gute Stimmung verbreitet. Der Leser ahnt es bereits vor der Enthüllung: Diese geradezu übermenschliche Leistung ist nur möglich, weil Buster Freundlich selbst ein Androide ist.