Roman von Anthony Burgess
Originaltitel »A Clockwork Orange«
Erstveröffentlichung 1962, deutsche Erstveröffentlichung 1972
A »Clockwork Orange« wurde 1971 unter dem gleichen Titel von Stanley Kubrick verfilmt. Der Film wurde wegen der Darstellung von und der Auseinadersetzung mit Gewalt kontrovers aufgenommen.
Inhalt
Der fünfzehnjährige Alex und seine drei Kumpane verbringen ihre Abende damit, wehrlose Menschen zusammenzuschlagen, kleine Ladenbesitzer auszurauben, Frauen oder gar kleine Mädchen zu vergewaltigen und sich Messerstechereien mit anderen Gangs zu liefern. All dies geschieht ohne erkennbares Motiv, vielleicht aus Langeweile, aus Spaß oder einfach so. In einer ausführlich geschilderten Gewaltorgie zu Beginn des Romans überfallen die vier das einsam gelegene Haus von Mr. und Mrs. Alexander, schlagen den Mann brutal zusammen und vergewaltigen dann vor dessen Augen die Frau. Alex, der jugendliche Antiheld des Romans, ist ohne jegliches Mitgefühl für seine Opfer — und nach seinen Greueltaten hört er zur Entspannung klassische Musik, am liebsten Beethoven. Er drückt sich in einer (eigens von Burgess kreierten) dumpfen Jugendsprache aus, doch gleichzeitig in einer Art und Weise, die erkennen lässt, dass Alex eher überdurchschnittlich intelligent ist. An seinem Führungsanspruch innerhalb der Gang lässt er keinen Zweifel. Es kommt zum Konflikt, als er einen seiner Kumpane, den einfach gestrickten Doofie, herablassend behandelt und verprügelt. Scheinbar kann Alex seine Autorität wiederherstellen, doch die anderen hegen von nun an einen stillen Groll gegen ihn. Der nächste gemeinsame Raubüberfall wird Alex zum Verhängnis: Während seine Kumpane vor der Tür warten, steigt Alex allein in die Wohnung einer alten Dame, die wehrt sich erstaunlich heftig und ruft die Polizei. Die Kumpane verduften, als sie die Polizeisirene hören — Doofie allerdings erst, nachdem er Alex mit einer Fahradkette fluchtunfähig geschlagen hat. Alex wird gefasst, ahnt aber zum Zeitpunkt seiner Festnahme nicht, dass es noch viel dicker kommt: Ausgerechnet bei diesem Überfall stirbt das Opfer, und Alex wird wegen Mordes zu 14 Jahren Haft verurteilt.
Bis zu diesem Punkt der Handlung hat man knapp die Hälfte des Romans gelesen. Alex erzählt seine Geschichte selbst. Dies ist keineswegs so simpel, wie es klingt, denn die Geschichte verweigert sich allgemeinen Lesegewohnheiten. Die meisten Ich-Erzähler sind positive Identifikationsfiguren für den Leser, und wo von dieser Regel abgewichen wird, geschieht dies meist, um den Leser in die Seelenabgründe des in der Ich-Form erzählenden Bösewichts schauen zu lassen. Uhrwerk Orange ist anders. Wohl lässt Burgess den Leser in die Seele von Alex blicken, doch was er dort sieht ist: eigentlich nichts. Wer sich angesichts jugendlicher Gewalttäter fragt: Was geht in solchen Köpfen nur vor?, wird bei Burgess keine Antwort finden. Der Leser steht Alex irgendwann so ratlos gegenüber wie dessen Eltern, die anscheinend nicht so genau wissen wollen, was ihr Sohn Abend für Abend treibt. Ein hoffnungsloser Fall. Erst nachdem Burgess seine Leser bis zu diesem Punkt geführt hat, wendet er sich dem eigentlichen Thema des Buches zu: Darf ein Staat (oder allgemeiner die machtausübende Instanz einer Gesellschaft) Individuen die Freiheit nehmen, selbst zwischen »Gut« und »Böse« zu wählen? Wenn es keine Alternative zu »Gut« gibt, welchen moralischen Wert hat dieses »Gut« dann noch?
Nachdem Alex zwei Jahre seiner Strafe abgesessen (und sich beim Gefängnispfarrer eingeschmeichelt) hat, bietet sich ihm die Chance einer vorzeitigen Haftentlassung. Einzige Bedingung ist, dass er sich einer neuartigen »Behandlungsmethode« unterzieht, die seine Gewaltneigung in nur 14 Tagen »heilen« soll. Alex fragt nicht lange und willigt ein, denn: Hält er diese Behandlung durch, ist er sofort ein freier Mann. Er fragt auch nicht, was ihm da eigentlich für Spritzen verabreicht werden. Doch in der ersten sogenannten Sitzung merkt Alex, dass seine Behandlung kein Spaziergang wird. Geschwächt von der Spritze und deshalb im Rollstuhl sitzend, wird er an den Armen, an den Beinen, am Rücken festgeschnallt, sein Kopf wird fest arretiert und sogar seine Augenlider werden mithilfe spezieller Instrumente aufgesperrt. Diese Maßnahmen dienen einzig dem Zweck, Alex keine Chance zu lassen, sich von dem Film abzuwenden, der ihm nun vorgeführt wird. Es ist dies eine einzige Aneinanderreihung von Gewaltszenen. Alex merkt, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Statt Vorfreude auf eine Vergewaltigung, statt dem Impuls, selbst mit zuzuschlagen, wenn er sieht, wie Wehrlose verprügelt werden, spürt er zunächst leichtes Unwohlsein und Kopfschmerzen, später Übelkeit bis zum Brechreiz. Sogar an Alex’ Vorliebe für klassische Musik und die für ihn charakteristische Kopplung zwischen Gewalt(fantasien) und Musik wurde bei der Behandlung gedacht: Zu den brutalen Filmszenen erklingt Beethoven. Die Erfinder der Methode nennen dies »Konditionierung«: Der Proband wird durch das injizierte Medikament und die visuellen Reize so »umgepolt«, dass der Anblick von und schon der Gedanke an Gewalt ihn nicht mehr positiv stimuliert, sondern im Gegenteil Übelkeit und Schmerzen verursacht. Jemand, der so »funktioniert«, stellt keine Gefahr mehr für seine Mitmenschen dar und kann zwecks Entlastung der stark überfüllten Gefängnisse in die Freiheit entlassen werden. Aber ist er deswegen schon gut? Kritiker der neuen Methode gehen sogar noch weiter: Ist jemand, der dank Konditionierung keine Gewalttaten begeht, überhaupt noch ein Mensch? Oder ist er einem Uhrwerk ähnlicher, in dem sich, einmal aufgezogen, die Rädchen genau so drehen, wie es die Mechanik vorsieht? Hier erschließt sich endlich die Bedeutung des Titels: Orang ist das malaiische Wort für Mensch (Burgess lebte in den 1950er-Jahren einige Zeit in Malaysia), also »Uhrwerk Mensch«.
Alex jedenfalls erreicht durch den Behandlungserfolg sein angestrebtes Ziel, die Entlassung. Draußen ist allerdings einiges nicht so wie erwartet. In seinem Zimmer bei den Eltern wohnt neuerdings ein Untermieter. Er hat niemanden, mit dem er abhängen könnte, denn seine Kumpane von früher haben ihn verraten. Doch das Schlimmste ist: Mit seiner Gewaltneigung scheint Alex auch die Freude am Leben verloren zu haben. Er wird von einer Horde alter Männer verprügelt, einer davon ein früheres Opfer, der ihn wiedererkannt hat. Zwei herbeigerufene Polizisten halten es ohne weitere Untersuchung für ausgemacht, dass Alex die Prügelei angezettelt hat. Sie fahren mit ihm raus aus der Stadt, schlagen ihn zusammen und lassen ihn liegen. Die beiden sind Profis: der eine ist Doofie, der andere ein alter Bekannter aus einer rivalisierenden Gang.
Alex wird nun endgültig zum Spielball politischer Interessengruppen, was sich während seiner Behandlung schon angedeutet hatte. In hilfloser Verfassung gerät er ausgerechnet an sein früheres Opfer Mr. Alexander, der ihn zunächst nicht erkennt, wieder aufpäppelt und reges Interesse an Alex’ Schiksal zeigt. Mr. Alexander ist Mitglied einer oppositionellen Gruppe, die die Unmenschlichkeit der Regierung anprangert. Es stehen Wahlen an, und da kommt Alex als plakatives Beispiel dafür, was diese Regierung aus einem jungen Menschen machen kann, gerade recht. Selbst als Mr. Alexander in Alex den Holligan von einst wiedererkennt, gibt er dies nicht offen zu erkennenen, wenngleich er nun nicht mehr freundlich ist. Ideologie siegt über Emotion, Alex ist für die Gruppe nützlich. Er wird in ein Appartment in der Stadt gebracht, um ihn für Wahlkampfzwecke verfügbar zu halten. Allein in seinem Appartment, hört Alex aus der Nebenwohnung Musik. Das hält er nicht aus, denn nach seiner Behandlung löst Musik die gleichen Reaktionen aus wie die Vorstellung oder der Anblick von Gewalt. Sein Schreien “Aufhören! Aufhören!” wird nicht erhört, die Zimmertür ist abgeschlossen. Alex springt aus dem Fenster.
Als er im Krankenhaus wieder aufwacht, ist wiederum eine Veränderung mit ihm vorgegangen. Er kann Musik wieder hören, ohne dass ihm schlecht wird und auch seine alte Freude an Gewalt ist wieder da. Schnell hat er neue Kumpane um sich gescharrt, doch dann endet der Roman relativ unvermittelt damit, dass Alex die Phase seiner jugendlichen Gewaltexzesse für beendet erklärt und beschließt, sich ein Mädchen zu suchen, mit dem er eine Familie gründen kann.