Vom Leben und Tod Gottes

Kurzgeschichte von James Graham Ballard
Erstveröffentlichung 1976
Originaltitel The Life and Death of God

Erstmals wurde die Kurzgeschichte »Vom Leben und Tod Gottes« in dem britischen Literaturmagazin Ambit abgedruckt. In deutscher Übersetzung ist sie als Titelgeschichte im zweiten Band der bei Heyne erschienen gesammelten Erzählungen Ballards enthalten.

Inhalt

Im Frühling und Sommer 1980 begann ein unerhörtes Gerücht in der Welt zu kursieren.

Mit diesem Satz beginnt die Geschichte vom Leben und Tod und Gottes, und man ahnt es gleich: Das Gerücht beagt, dass Gott tatsächlich existiert. Schon als Gerücht entfaltet diese Nachricht ungeheuere Wirkung. Rohstoffpreise brechen ein, Panikverkäufe erschüttern die Wirtschaft, Regierungen veröffentlichen Dementis. Die Arbeiterschaft wird über alle Grenzen hinweg von Arbeitsunlust und fröhlicher Gelassenheit erfasst. Hingegen warnt ausgerechnet die Priesterschaft über alle Glaubensgrenzen hinweg vor voreiligen Schlüssen. Kurz darauf geben die Vertreter der großen Weltreligionen den Zusammenschluss zur Vereinten Glaubensgemeinschaft bekannt.

Gegen Ende des Sommers wird auf einer Sitzung der Vereinten Nationen aus dem Gerücht Gewissheit. Forscher der großen Observatorien von Jodrell Bank und Arecibo haben die Existenz Gottes nachgewiesen. Die Untersuchung von Mikrowellen ergab, dass alle Materie und der gesamte Raum von unendlich kleinen Vibrationen durchdrungen ist. Und dieses elektromagnetische System zeigt alle Merkmale einer eigenen Intelligenz! Die Sitzung endet mit einer Verlautbarung des Präsidenten der Vereinten Nationen an die schweigend vor den Fernsehern sitzende Weltbevölkerung:

Der uralte Glaube der Menschheit an ein Göttliches Prinzip sei nun schließlich wissenschaftlich bestätigt worden, und vor ihnen liege jetzt eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte.

Am nächsten Tag überall die Schlagzeile

GOTT LEBT. Höchstes Wesen durchdringt Universum

Einige Wochen vergehen im religiösen Taumel. Bald zeigen sich Sekundärphänomene. Der Krankenstand sinkt, geistige Leiden verschwinden völlig. Polizeiverbände werden aufgelöst und Soldaten auf unbestimmte Zeit beurlaubt. Die Berliner Mauer wird abgerissen. Die Wirtschaft erlebt einen rasanten Niedergang, während — vor allem in Europa und den USA — der neue Mensch gefeiert wird. Mit großem Interesse befasst man sich mit Fragen der Ethik und der genauen mathematischen Natur der Gottheit.

Im Herbst machen sich die Konsequenzen des Wertewandels unangenehm bemerkbar. Während in Industrie und Landwirtschaft noch auf akzeptablem Niveau produziert wird, zeigen Handel und Politik erhebliche Auflösungserscheinungen, denn sämtliche Spielarten der Lüge sind nun verpönt. Die Führer der Vereinten Glaubensgemeinschaft sehen ihre Führungsrolle immer stärker in Zweifel gezogen. Zum einen kommunizieren die Menschen lieber direkt mit Gott, zum anderen haben die Kirchen ein Legitimationsproblem: Das Offenbarwerden Gottes geschah aus Wissen, nicht aus Glauben. Die Veränderungen beunruhigen Priester, Politiker und Bosse. Im Oktober

... stellte ein prominenter Erzbischof öffentlich die wissenschaftliche Sicht der Gottheit als eines Wesens von allumfassender neutraler Intelligenz infrage.

Der Erzbischof betont den Dualismus von Gut und Böse, »die Fähigkeit zur Sünde sei eine Vorbedingung für die Erlösung.« Es finden sich Leute, die hierin eine Aufforderung zu spektakulären Verbrechen sehen. Und es finden sich Politiker, die die Vorstellung einer alldurchdringenden Gottheit als Affront gegen die Freiheit anprangern. Unternehmer schließen sich an.

Die Wissenschaftler von Jodrell Bank und Arecibo [..] wurden gebeten, ihre ursprünglichen Entdeckungen noch einmal zu überdenken.

Die Adventszeit verläuft in aufgeregter, aber keineswegs fröhlicher Stimmung. In den Läden gibt es kaum nocht etwas zu kaufen, allerdings hat auch kaum noch jemand Geld. Der Zustrom zur Vereinten Glaubensgemeinschaft ist größer dann je, doch sperren immer mehr Kirchen, Moscheen und Synagogen die beunruhigten Massen aus. Meldungen über verheerende Naturkatastrophen überspielen das allgemeine Unbehagen. Wenige Wochen vor Weihnachten brechen an mehreren Konfliktherden Kriege aus, was in den ersten Monaten nach der Offenbarwerdung unvorstellbar schien. Am Weihnachtsabend meldet Radio Peking den erfolgreichen Test einer gigantischen Wasserstoffbombe. Und gerade noch rechtzeitig macht sich die ersehnte Feststimmung auf den Straßen, in den Kaufhäusern und den (wieder für alle offenen) Kathedralen breit.

Eingefangen von dieser Feststimmung beachteten nur wenige Menschen die Veröffentlichung dessen, was ein Sprecher der Vereinten Glaubensgemeinschaft eine der weitest reichenden und revolutionärsten religiösen Schriften überhaupt nannte, die Weihnachts-Enzyklika, mit dem Titel GOTT IST TOT …

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