<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Website der Habenichtse &#187; Apokalypse</title>
	<atom:link href="http://www.habenichtse.de/tag/apokalypse/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.habenichtse.de</link>
	<description>Fantastische Literatur &#38; Science Fiction</description>
	<lastBuildDate>Thu, 09 Sep 2010 07:58:22 +0000</lastBuildDate>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.0.1</generator>
		<item>
		<title>Kristallwelt</title>
		<link>http://www.habenichtse.de/science-fiction/kristallwelt/</link>
		<comments>http://www.habenichtse.de/science-fiction/kristallwelt/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 07 Aug 2010 15:39:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Moderne Phantastik]]></category>
		<category><![CDATA[Science Fiction]]></category>
		<category><![CDATA[Apokalypse]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.habenichtse.de/?p=519</guid>
		<description><![CDATA[<strong>James Graham Ballard</strong> ♦ Gerüchten zufolge sind an mehreren Orten der Erde unheimliche Transformationen aufgetreten. Der Arzt Dr. Sanders dringt zu einem dieser Orte vor und wird Zeuge bizarrerer Kristallationserscheinungen. <a href="http://www.habenichtse.de/science-fiction/kristallwelt/"> lesen ...</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Roman von <a href="http://www.habenichtse.de/biografie/james-graham-ballard/" target="_self">James Graham Ballard</a><br />
Originaltitel »The Crystal World«<br />
Erstveröffentlichung 1966, erste deutsche Übersetzung 1969</p>
<h3>Inhalt</h3>
<p>Der Arzt Dr. Sanders arbeitet seit langem auf einer Leprastation in Westafrika. Seine früheren Kollegen Suzanne und Max Clair, die vor einigen Jahren tief im Landesinneren ein Krankenhaus eröffnet haben, berichten Sanders in einem Brief von faszinierenden Erscheinungen im Dschungel: »Das Licht überzieht alles mit Diamanten und Saphiren«. Wer Ballard kennt, weiß: Was in diesem Brief noch aufregend, bizarr und märchenhaft klingt, wird im weiteren Verlauf zu einer der vielen Varianten der Apokalypse, wie sie der Autor in seinem umfangreichen Werk entworfen hat.</p>
<p>Zunächst reist Sanders auf dem Fluss nach Port Matarre am Rande des Dschungels, um von dort aus auf dem Landweg zum tief im Dschungel gelegenen Krankenhaus seiner Freunde zu gelangen. Die Stimmung, die Ballard in den ersten Kapiteln erzeugt, weckt Misstrauen. Einerseits erzählt er fast klischeehaft die romantische Geschichte »Weißer Arzt begibt sich in den Dschungel Afrikas«, andererseits spürt der Leser: Hier stimmt einiges nicht. Zwar gibt es in diesem ersten Teil noch eine deutlich erkennbare Handlung (die in späteren Kapiteln regelrecht gerinnt), doch wirken die beteiligten Personen merkwürdig unmotiviert und emotional isoliert, sodass ihr Handeln nicht immer logisch oder gar zwingend erscheint. Beispielsweise hatte Sanders früher eine Affäre mit Suzanne Claire, doch ist zum Zeitpunkt der Handlung stets von »den beiden Freunden« des Doktors die Rede, als wäre es völlig selbstverständlich, dass ein Mann mit seiner ehemaligen Geliebten und deren Mann gleichermaßen befreundet ist.</p>
<p>Auf dem Schiff begegnet Sanders Pater Balthus, der eine Missionstation in der Nähe des Krankenhauses von Sanders Freunden führt. Der Pater macht ein paar rätselhafte Bemerkungen, doch es bleibt beim Smalltalk. Seine Kabine teilt Sanders mit einem zwielichtigen Kerl namens Ventress, den er nach Möglichkeit meidet. In Port Matarre stellt sich heraus, dass es schwierig wird, nach Mont Royal zu gelangen: Es gibt keine Eisenbahnverbindung und die Buslinie wurde eingestellt. Die Veränderungen des Dschungels, von denen Suzanne Clair in ihrem Brief berichtete, sind offensichtlich von einer Art und einem Ausmaß, dass das betroffene Gebiet zur Sperrzone erklärt wurde. Warum, ist bei den Behörden nicht herauszubekommen. Entsprechend gedeihen die Spekulationen: Gab es politische Unruhen, die eingedämmt werden sollen? Wurde möglicherweise eine riesige Diamantmine entdeckt? Oder ist im Dschungel eine gefährliche Viruskrankheit ausgebrochen, deren weitere Ausbreitung verhindert werden soll?</p>
<p>Bei seinen Bemühungen zur Weiterreise lernt Sanders die Journalistin Louise Peret kennen, die in der Angelegenheit recherchiert. Von Louise erfährt Sanders immerhin etwas mehr als von den Behörden, so spricht sie beispielsweise offen von einem »Notstand«. Der Fotograf, mit dem sie bei ihrer Recherche zusammenarbeiten wollte, ist mit einem Mietwagen in das betroffenen Gebiet gereist, um Aufnahmen zu machen. Seit mehreren Tagen hat die Journalistin keinen Kontakt mehr zu ihm. Zusätzlich beunruhigend sind seine letzten Nachrichten, die, zusammen mit dem Brief von Suzanne Claire und höchst merkwürdigen Beobachtungen in Port Matarre ein apokalyptisches Bild ergeben: Da draußen im Dschungel ist ein noch nie dagewesener Transformationsprozess im Gange, der belebte wie unbelebte Materie kristallisieren lässt. Gerüchten zufolge wurde das gleiche Phänomen in Florida beobachtet und die dortige Bevölkerung evakuiert.<br />
Louise Peret und Dr. Sanders beginnen praktisch unmittelbar nach dem Kennenlernen eine Affäre, die auf seltsame Art gefühlsarm wirkt. Es ist, als hätte das Kristallieren, Einfrieren, Erstarren bereits ihre Seelen erfasst, bevor sie dem Zentrum der Transformation wirklich nahegekommen sind.</p>
<p>Der zweite Teil des Romans ist überschrieben mit »Der leuchtende Mann« und schildert in eindrucksvollen Bildern die bizarren Veränderungen von Materie und Zeit. Der kristallisierende Dschungel bricht das Licht in allen Spektralfarben. Die Vegation ist mit Juwelen und Kristallen überzogen, die an Eisformationen erinnern. Vögel und Krokodile sind mit Edelsteinen geschmückt und teilweise oder völlig erstarrt. Die Temperaturen sinken, je tiefer Sanders in den Dschungel eindringt. Sanders begegnet unter gespenstischen Umständen seinen beiden Reisebekanntchaften vom Schiff wieder und wird Zeuge des mörderischen Kampfes zweier Männer um eine junge, todkranke Frau. Die Juwelen des Dschungels sind für diese junge Frau eine Art Medizin, die den Zerfallsprozess ihres Körpers verlangsamen. Durch dieses Element der Handlung wird offensichtlich, was sich an anderer Stelle vage andeutet: Der Transformationsprozess ist so »perfekt«, dass er nicht nur jegliches Leben zerstört, sondern auch die Zeit selbst zu stoppen scheint.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.habenichtse.de/science-fiction/kristallwelt/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Träumen Androiden von elektrischen Schafen?</title>
		<link>http://www.habenichtse.de/science-fiction/traumen-androiden-von-elektrischen-schafen/</link>
		<comments>http://www.habenichtse.de/science-fiction/traumen-androiden-von-elektrischen-schafen/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 05 Aug 2010 00:30:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Science Fiction]]></category>
		<category><![CDATA[Apokalypse]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Paranoia]]></category>
		<category><![CDATA[Realität]]></category>
		<category><![CDATA[Roboter]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.habenichtse.de/?p=136</guid>
		<description><![CDATA[<strong>Philip K. Dick</strong> ♦ Die Erde ist nach einem Atomkrieg kaum mehr bewohnbar; die meisten Überlebenden sind auf den Mars ausgewandert. Androide Roboter sollen den Menschen dienen, doch einige zeigen sich widerspenstig und werden von Androidenjägern verfolgt. <a href="http://www.habenichtse.de/science-fiction/traumen-androiden-von-elektrischen-schafen/"> lesen ...</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Roman von <a href="http://www.habenichtse.de/2008/12/philip-k-dick/">Philip K. Dick<br />
</a>Erstveröffentlichung 1968<br />
Originaltitel »Do Androids Dream of Electric Sheep?«</p>
<p>Der Roman ist die Grundlage des Kultfilms »Bladerunner« (1982) von Ridley Scott. Dick war in die Produktion des Films einbezogen worden (wenn auch nicht von anfang an); er starb jedoch wenige Monate vor der Uraufführung.</p>
<h3>Inhalt</h3>
<p>Der Roman spielt in naher Zukunft in San Francisco, allerdings in einer alptraumhaften, postapokalyptischen Szenerie. Die Stadt ist wie der Rest der Erde infolge eines Atomkrieges verwüstet, die meisten Überlebenden sind auf den Mars ausgewandert. Für das großangelegte Auswanderungsprogramm haben die Menschen eigens humanoide Roboter (»Androiden«) konstruiert, die ihnen in puncto Intelligenz weit überlegen sind. Die Androiden haben die Aufgabe, den Menschen bei der Urbanisierung des neuen Territoriums zu helfen, doch werden sie von diesen nicht im entferntesten als lebende Wesen angesehen. Einige Androiden ziehen es vor, auf die Erde zurückzukehren, was ihnen strengsten untersagt ist. Auf der Erde werden sie von »Prämienjägern« wie dem Protagonisten Rick Deckard gnadenlos zur Strecke gebracht.</p>
<p>Anhand der Konfrontation zwischen Mensch und Androide wird die Frage thematisiert, welche spezifisch menschlichen Eigenschaften den Menschen als solchen auszeichnen. Oder noch einfacher gesagt: Was macht den Menschen zum Menschen? Die These, dass dies die Empathie, also die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen sei, wird Deckard anfangs als Überzeugung mit auf den Weg gegeben. Im Verlaufe der Handlung gerät sie immer mehr ins Wanken. Am Ende bleibt die Frage: Wenn es nicht Empathie, was uns zu Menschen macht &#8212; was ist es dann? Es ist weniger der postapokalyptische Plot als die Ratlosigkeit in Bezug auf diese Frage, die den Roman für den Leser so verstörend macht.</p>
<h2>Themen, Motive</h2>
<p>Das zentrale Thema des Romans, nämlich, was den Menschen von Androiden unterscheidet, wurde im Film »Blade Runner« übernommen. Im Film tritt die mit dieser Frage verbundene Paranoia noch etwas stärker in den Vordergrund, u.a. dadurch, dass am Ende angedeutet wird, Rick Deckard könnte selbsr ein Androide sein. Daneben gibt es im Roman eine Reihe von Handlungssträngen bzw. Motiven, die im Film weggelassen wurden.</p>
<p><strong>Tiere und elektrische Tiere</strong></p>
<p>Eines der interessantesten Elemente ist die melancholische Liebe der Menschen zu Tieren. Viele Tierarten sind bereits ausgestorben, von anderen leben nur noch wenige Exemplare, die entsprechend begehrt und teuer sind. Wer sich kein echtes Tier leisten kann, hält sich zumindest eines der täuschend echt nachgemachten. So auch Rick Deckard und seine Frau (die im Film ebenfalls nicht vorkommt). Das echte Schaf der beiden ist verstorben, weshalb sie sich nun ein elektrisches Schaf auf ihrer Dachterrasse halten. Ein Tier ist in dieser postapokalyptischen Gesellschaft eindeutig ein Statussymbol, aber es ist mehr als das. Durch die liebvolle Pflege eines Tieres demonstriert ein Mensch sich und anderen, dass er zur Empathie fähig &#8212; also ein Mensch &#8212; ist. Die Sehnsucht nach einem echten Tier und die damit verbundene Notwendigkeit, das erforderliche Geld zu beschaffen, ist für Deckard die Hauptmotiv für seinen Job, der darin besteht, Androiden zu töten. Der Titel »Träumen Androiden von elektrischen Schafen« ist also gewissermaßen eine andere Formulierung der Frage, mit der sich Deckard immer klarer konfrontiert sieht: Ist mein Feind, der Androide, nicht am Ende genau so ein Mensch wie ich?</p>
<p><strong>Menschliche Sonderfälle</strong></p>
<p>Was im Film ebenfalls nicht umgesetzt wurde, ist die scharfe Unterteilung der »echten« Menschen in zwei Klassen, die die Konfrontation zwischen Mensch und Androide auf sarkastische Weise spiegelt. »Normale« Menschen wie die Deckards könnten auswandern, wenn sie wollten bzw. die Ausreise ist sogar erwünscht. Von der Ausreise ausgeschlossen sind dagegen die sogenannten »Sonderfälle«, Menschen, deren Erbgut so stark geschädigt ist, dass sie unfruchtbar sind. An anderer Stelle werden sie auch als »degeneriert« bezeichnet. Die Sonderfälle verrichten niedrige Arbeiten und hausen wie Aussätzige, isoliert in fast unbewohnten Wohnblocks, die kaum mehr als Ruinen sind. Ein solcher Sonderfall ist J.R. Isidore, der zwei verschiedene Handlungsstränge des Romans miteinander verknüpft: zum einen ist er Fahrer bei einer Reparaturwerkstatt für elektrische Tiere (euphemistisch als Tierklinik bezeichnet), zum anderen gewährt er einer entflohenen Androidin Unterschlupf, die auf Deckards Abschussliste steht.</p>
<p><strong>Mediale Beeinflussung</strong></p>
<p>Ein weiteres im Film allenfalls angedeutetes Thema ist die permanente Einflussnahme der nicht direkt in Aktion tretenden Obrigkeit auf die Psyche der Menschen. Eine Ausprägung dieser Einflussnahme ist die »Stimmungsorgel«, mit der man sein mentales Befinden programmieren kann. Dass dies nicht allzu gut funktioniert, wird bereits auf den ersten Seiten des Romans klar: Deckards Frau leidet offensichtlich an einer Depression und ist eben wegen ihrer niedergedrückten Stimmung unfähig, die Stimmungsorgel auf ein für sie günstigeres Programm einzustellen.</p>
<p>Eine wichtige Rolle spielt der »Mercerismus«, eine Pseudoreligion, deren zentraler Glaubensgrundsatz das Gemeinschaftsgefühl ist. Praktiziert wird der Mercerismus v.a. mithilfe der »Einswerdungsbox«, die ihrem jeweiligen Benutzer des Gefühl vermittelt, unter Schmerzen mit anderen zu verschmelzen, »eins zu werden«. Am Ende stellt sich das Ganze natürlich als Schwindel heraus: die von der Einswerdungsbox vergegaukelte Szene entstammt einem alten Hollywoodschinken und Wilbur Mercer, der Begründer der Religion, ist in Wirklichkeit ein alkoholsüchtiger, heruntergekommener Schauspieler.</p>
<p>Für den heutigen Leser geradezu befremdlich vertraut wirkt der Entertainer Buster Freundlich, der 23 Stunden am Tag mit seiner aufheiternden Sendung im Fernsehen zu sehen ist und dort ungeachtet des überall sichtbaren Notstands gute Stimmung verbreitet. Der Leser ahnt es bereits vor der Enthüllung: Diese geradezu übermenschliche Leistung ist nur möglich, weil Buster Freundlich selbst ein Androide ist.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.habenichtse.de/science-fiction/traumen-androiden-von-elektrischen-schafen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die andere Seite</title>
		<link>http://www.habenichtse.de/moderne-phantastik/die-andere-seite/</link>
		<comments>http://www.habenichtse.de/moderne-phantastik/die-andere-seite/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 29 Jul 2010 13:32:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Moderne Phantastik]]></category>
		<category><![CDATA[Apokalypse]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Traum]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.habenichtse.de/?p=323</guid>
		<description><![CDATA[<strong>Alfred Kubin</strong> ♦ Der Ich-Erzähler beginnt ein neues Leben in der Stadt Perle, einem fernen Utopia irgendwo in den Bergen des  Ostens. Binnen weniger Jahre verkehrt sich Hoffnung in Schrecken. <a href="http://www.habenichtse.de/moderne-phantastik/die-andere-seite/"> lesen ...</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>fantastischer Roman von Alfred Kubin<br />
Erstveröffentlichung 1909</p>
<p>Die andere Seite ist der einzige Roman des österreichischen Grafikers und Illustrators Alfred Kubin (*10. April 1877, † 20. August 1959). Er steht in der Tradition von <a href="http://www.habenichtse.de/biografie/e-t-a-hoffmann/" target="_self">E.T.A. Hoffmann</a> und <a href="http://www.habenichtse.de/biografie/edgar-allan-poe/" target="_self">Edgar Allan Poe</a>, deren Werke Kubin illustrierte.<br />
Der Ich-Erzähler berichtet von seinen Erlebnissen in der fiktiven Traumstadt Perle, die ihm anfangs als fernes Utopia anlockte und in den etwa drei Jahren der Handlung in einem apokalyptischen Szenario untergeht. 2009 &#8212; hundert Jahre nach der Erstveröffentlichung &#8212; erschien in der Bibliothek Suhrkamp eine Ausgabe mit den Originalillustrationen Kubins.</p>
<p><strong>Inhalt</strong></p>
<p>Der Erzähler &#8212; Zeichner und Illustrator wie Kubin selbst &#8212; lebt in kleinen Verhältnissen, aber glücklich verheiratet und beruflich aufstrebend in München. Eines Tages erscheint bei ihm ein unangemeldeter Besucher, der ihm Grüße von seinem fast vergessenen Schulkameraden Claus Patera ausrichtet. Ohne Umschweife kommt der Fremde auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen: Patera ist durch nicht näher benannte Umstände zu unerhörtem Reichtum gekommen, hat mit diesem irgendwo in Zentralasien ein strikt abgeschottetes Reich errichtet und lässt dieses durch Personen seiner Wahl besiedeln. Eine entsprechende Einladung ergeht nun an den Erzähler:</p>
<blockquote><p><em>Claus Patera, absoluter Herr des Traumreichs, beauftragt mich als Agenten, Ihnen die Einladung zur Übersiedlung in sein Land zu überreichen.</em></p></blockquote>
<p>Was der Fremde über Pateras Traumreich berichtet, ist eigentlich absolut unglaubwürdig. Ein in der übrigen Welt unbekannter Staat im Inneren Asiens, vollständig umgeben von einer dicken Mauer mit einem einzigen, streng überwachten Tor? Unerschöpfliche finanzielle Mittel, mit denen Patera (»der Herr«) in ganz Europa komplette Häuser kaufen, abtragen und in seinem Reich wieder aufbauen lässt? Und von all dem soll bisher niemand etwas bemerkt haben, ebensowenig vom Verschwinden der Übersiedler ins Traumreich? Zwar hat der Erzähler anfangs starke Zweifel, hält den Fremden gar für einen Verrückten, doch macht seine Skepsis freudiger Erregung Platz, als der ihm als »Legitimation« ein Porträt Pateras vorzeigt. Logisch ist das alles nicht. Vielmehr erinnert es an die irrationale Rationalität mancher Träume, in denen der Träumer die unglaublichsten Geschehnisse akzeptiert, ohne aus seinem Traum herauszufallen. (»Eigentlich hätte ich doch an dieser Stelle merken müssen, dass ich träume.«) Die in dieser Anfangsszene noch vorsichtig angedeutete Verflechtung von Traum und Realität durchzieht den gesamten Roman. Allerdings weichen die anfangs hoffnungsvoll-fantastischen Träumereien später Halluzinationen und Wahnvorstellungen, die im apokalyptischen Untergang des Traumreiches gipfeln.</p>
<p>Der Erzähler nimmt nach anfänglichem Zögern die Einladung an und reist mit seiner Frau im Orientexpress Richtung Osten, entlang der altbekannten Route: München &#8212; Constanza &#8212; Batumi &#8212; Baku &#8212; Samarkand. Dort bekommen die beiden eine Vorahnung von den weniger schönen Seiten des Traumreichs und sind entsprechend verstört. Der Erzähler muss seinen Fotoapparat zurücklassen, denn alles »Fortschrittliche« ist Patera zutiefst verhasst. Kleidung nach neuester Mode muss umgearbeitet oder durch Altmodisches ersetzt werden. Alle Habseligkeiten, selbst Bücher und Leibwäsche, werden genauestens inspiziert. Trotz ihres Unbehagens setzen die beiden ihre Reise auf einem Kamelkarren fort und gelangen schließlich nach Einbruch der Dunkelheit an das Tor des Traumreichs. Die hohe Grenzmauer zeichnet sich Unheil verkündend vor dem Nachthimmel ab, und die Frau flüstert im Halbschlaf prophetisch:</p>
<blockquote><p><em>Nie mehr komme ich da heraus.</em></p></blockquote>
<p>Weiter geht es mit dem Zug, der nicht gerade auf dem neuesten Stand der Technik ist, nach Perle, der Hauptstadt des Traumreiches. Der erste Anblick ist enttäuschend &#8212; es wirkt alles irgendwie schäbig, abgelebt und wie mit einer dicken Decke aus Melancholie zugedeckt. Nun gut, macht sich das Paar Mut, man ist um Mitternacht angekommen, da ist wohl nicht allzuviel Leben zu erwarten. Aber ein erster Spaziergang am nächsten Morgen kann den beiden das ungute Gefühl nicht nehmen.</p>
<blockquote><p><em>Es war ein trüber Tag.</em></p></blockquote>
<p>So wie jeder folgende Tag auch. In Perle scheint niemals die Sonne. Bestenfalls lassen Lichtstreifen auf der immer vorhandenen Wolkendecke ihren Stand erahnen, und nicht selten ist die Stadt in dichten Nebel gehüllt. Das Fehlen der Sonne nimmt auch der Natur ihre Farben; statt saftiger Wiesen und goldener Felder dominieren trübes Grün und tristes Braun. Reizlos ist auch das Klima, das keine heißen Sommer und keine frostig-klaren Winter kennt. Das Schwermütige der Stadt Perle wird gesteigert durch den träge und breit an ihrem Südrand dahinfließenden Fluss Negro, dessen Wasser eine »auffallend dunkle, fast tintige Färbung« hat. Der Stadt selbst ist trotz ihrer Schäbigkeit eine eigentümliche Harmonie nicht abzusprechen. Die in ganz Europa zusammengekauften Gebäude fügen sich, von Patera mit sicherem Instinkt ausgewählt, zu einem Ganzen. Alles folgt <em>einer</em> (nämlich seiner) Idee, nichts ist Zufall, nichts in Spontanität entstanden. So wundert es auch nicht, dass der Erzähler und seine Frau zuweilen das Gefühl haben, ein Gebäude bereits früher an einem anderen Ort schon einmal gesehen zu haben. Auch dieses Prinzip wird dem Leser/Träumer aus seinen eigenen Träumen vertraut sein.</p>
<p>Trotz des unterschwelligen Unbehagens beginnt sich das Paar in Perle einzuleben. Sie beziehen eine hübsche Wohnung zu mäßigem Preis, der Erzähler findet ohne eignes Zutun eine Stelle als Zeichner beim »Traumspiegel«, der wichtigsten (wie sich bald herausstellt: einzigen) Illustrierten von Perle. Schnell gewöhnt man sich an harmlose wie auch an bedenkliche Merkwürdigkeiten. Man kleidet sich wie früher die eigenen Großeltern, und man verlernt den gewohnten Umgang mit Geld. Denn die Wirtschaft des Traumreichs gehorcht nicht den bekannten, halbwegs rationalen Gesetzen, weshalb Tugenden wie Sparsamkeit und Vorausschau nichts nützen. Die Bewohner des Traumreichs sind Marionetten:</p>
<blockquote><p><em>Aber ging auch alles noch so sehr drunter und drüber, man fühlte eine starke Hand. Hinter den scheinbar unbegreiflichsten Zuständen witterte man ihre verborgene Kraft. Sie war die geheimnisvolle Ursache, daß sich dabei alles halten konnte und nicht ins Bodenlose stürzte.</em></p></blockquote>
<p>Ihn, Patera, kommt der Erzähler nicht zu Gesicht, und das, obwohl er als ehemaliger Schulkamerad in persönlicher Beziehung zu ihm steht. Um eine Audienz bei Patera, ihrem Herrn, zu bekommen, müssen sich seine Untertanen durch eine Bürokratie kämpfen, die nur mit einem Adjektiv zu beschreiben ist, das es zur Entstehungszeit des Romans noch nicht gab: kafkaesk. (Tatsächlich übte Kubins Roman auf Kafka einigen Einfluss aus.) Dass es Patera tatsächlich gibt, obwohl er für seine Untertanen unsichtbar bleibt, lässt sich genau genommen nur aus den allgemeinen Verfallserscheinungen schließen, die sich als Symptome von Pateras Machtverlust überall bemerkbar machen.</p>
<p>Der Sturz ins Bodenlose beginnt für den Erzähler mit dem Tod seiner geliebten Frau, deren Gesundheitszustand sich seit der Übersiedlung ins Traumreich zunehmend verschlechtert hatte. Er hat eine kurze, lieblose Affäre mit Melitta, der schönen, jungen Frau eines Arztes, die scheinbar für jeden zu haben ist. Er betrinkt sich, verfällt ins Arbeitsdelirium und erkennt in einem lichten Moment, dass er weder zum Selbstmord noch zum Leben fähig ist. Und dann bringt die »Stimme«, eine der beiden Tageszeitungen von Perle, eine unerhörte Meldung:</p>
<blockquote><p><em>Heute ist der Amerikaner angekommen.</em></p></blockquote>
<p>Der Amerikaner heißt Herkules Bell und besitzt angeblich sehr viel Geld. Darin gleicht er Patera, doch ansonsten verkörpert er das gegenteilige Prinzip: Fortschritt gegen Bewahrung des Alten, Rationalität gegen Träumerei, Freiheit gegen Gleichschaltung, ungehobeltes Aufreten gegen Feinsinnigkeit. Und er ist, ganz im Gegensatz zu dem unsichtbaren Patera, extrem präsent. Er wiegelt die Träumer gegen ihren Herrn auf und kann tatsächlich &#8212; auch durch den Einsatz von Geld &#8212; nicht wenige Gefolgsleute um sich scharen. Die Zustände im Traumstaat werden immer chaotischer. Latent vorhandene Geisteskrankheiten werden zu Massenerscheinungen. Es kommt zu immer mehr Selbstmorden. Prügeleien und Messerstechereien sind an der Tagesordnung.</p>
<p>Schließlich beschreibt Kubin in einem knapp 90 Seiten langen Kapitel mit dem Titel »Hölle« (ca. ein Drittel des Romans!) die vollständige Zerstörung der Traumstadt Perle. Gebäude verfallen in rasendem Tempo. Was einstürzt bleibt liegen, man sucht sich einen Unterschlupf, wo es eben gerade noch möglich ist. Wilde Tiere zeigen sich bar jeder Scheu in der Stadt und sind schon bald die eigentlichen Herrscher. Die Menschen betäuben sich in Ausschweifungen jeglicher Art, die schon zuvor lockeren Sitten steigern sich zum vollkommenen Sittenverfall und dem Verlust aller zivilisatorischer Gepflogenheiten. So etwas wie Empathie scheint es nicht (mehr?) zu geben: jeder erlebt die Hölle, aber jeder erlebt sie für sich allein. Da endlich, inmitten der Apokalypse, zeigt sich Patera dem Erzähler doch:</p>
<blockquote><p>.<em>.. und ich faßte meine letzte Kraft zusammen in die Frage: »Patera, warum läßt du das alles geschehen?« &#8212; Es kam lange keine Antwort. &#8212; Auf einmal rief er mit metallisch tönender Baßstimme: »Ich bin müde!«</em></p></blockquote>
<p>Und schließlich doch noch das Versprechen der Erlösung:</p>
<blockquote><p><em>Wie aus Urzeiten kam diese Frage her, vor Billionen von Jahren mußten diese Worte gesprochen worden sein, und jetzt erst brachte ich sie hervor, heute hörte man sie hier:<br />
»Patera, warum hast du nicht geholfen?«<br />
Und langsam, leblos senkten sich seine Lider, wobei mir wieder leichter wurde.<br />
In sein Antlitz trat nun unsägliche Milde, ein über die Maßen weicher, trauriger Zug bezauberte mich. Und wieder flüsterte es klar:<br />
»Ich habe geholfen, ich werde auch dir helfen!«</em></p></blockquote>
<p>Am Ende wird der Erzähler Augenzeuge des Todes von Patera, in dem er sich auf bizarre Weise mit seinem Widerpart, dem Amerikaner vereint. Dass beide wieder auferstehen, wird angedeutet, im Falle des des Amerikaners ist es gewiss:</p>
<blockquote><p><em>Der Amerikaner lebt heute noch, und ihn kennt alle Welt.</em></p></blockquote>
<p><strong>Interpretationsansätze</strong></p>
<p>Oft wurde über »Die andere Seite« geschrieben, der 1909 erschienene Roman habe die Greuel des 20. Jahrhunderts vorweggenommen. Sicher ist eine solche Interpretation angesichts des tatsächlichen Gangs der Geschichte möglich. Aber ganz so einfach ist es wohl nicht. Nicht nur, weil die Geschichte der menschlichen Greuelltaten so alt ist wie die Geschichte der Menschheit selbst. Nicht nur, weil man die Bedeutung eines Romans <em>nie</em> am Grad des Eintretens der in ihm enthaltenen Prophezeiungen messen sollte. Sondern vor allem deshalb, weil die von Kubin geschilderte Hölle wohl in erster Linie die »innere Hölle« des Einzelnen &#8212; in diesem Fall des Erzählers / Zeichners / Alter Egos &#8212; ist.</p>
<p>Kubin schreibt in einer fast naiv anmutenden Sprache, wenn es um die Schilderung des Alltagslebens seines Erzähler geht. Die eigentliche Geschichte, nämlich die des Zerfalls, des Untergangs und der Verzweiflung, erzählt er in so kraftvoller, bildhafter und symbolgeladener Sprache, dass man sich unweigerlich fragt: Wo kommt das alles her? Traumatische Kindheitserlebnisse und ein zumindest schwieriges Verhältnis zu seinem Vater lassen jedenfalls die Interpretation zu, dass sich hier ein junger Mann frei geschrieben hat, um seinen eigentlichen Weg &#8212; als bildender Künstler &#8212; gehen zu können. Auch in seinen Zeichnungen thematisiert er das Seelische, versucht auch, Traumbilder in seinen Werken festzuhalten. Mehr über das Leben und Werk von Alfred Kubin erfahren Sie zum Beispiel auf <a href="http://www.alfredkubin.at/" target="_blank">www.alfredkubin.at</a> (denn das hier ist eine Seite über fantastische Literatur).</p>
<p>Statt einer Interpretation seien hier die letzten Sätze des Romans »Die andere Seite« wiedergegeben, in denen der Erzähler das Erlebte reflektiert:</p>
<blockquote><p><em>Als ich mich dann wieder ins Leben wagte, entdeckte ich, daß mein Gott nur eine Halbherrschaft hatte. Im Größsten und im Geringsten teilte er mit einem Widersacher, der Leben wollte. Die abstoßenden und anziehenden Kräfte, die Pole der Erde mit ihren Strömungen, die Wechsel der Jahreszeiten, Tag und Nacht, schwarz und weiß &#8212; das sind Kämpfe.<br />
Die wirkliche Hölle liegt darin, daß sich dies widersprechende Doppelspiel in uns fortsetzt. Die Liebe selbst hat einen Schwerpunkt »zwischen Kloaken und Latrinen«. Erhabene Situationen können der Lächerlichkeit, dem Hohne, der Ironie verfallen.</em></p></blockquote>
<p><em>Der Demiurg ist ein Zwitter.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.habenichtse.de/moderne-phantastik/die-andere-seite/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Picknick am Wegesrand</title>
		<link>http://www.habenichtse.de/marchen/picknick-am-wegesrand/</link>
		<comments>http://www.habenichtse.de/marchen/picknick-am-wegesrand/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 21 Jul 2010 06:24:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Moderne Phantastik]]></category>
		<category><![CDATA[Märchenhaftes]]></category>
		<category><![CDATA[Science Fiction]]></category>
		<category><![CDATA[Apokalypse]]></category>
		<category><![CDATA[Wunsch]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.habenichtse.de/?p=513</guid>
		<description><![CDATA[<strong>Arkadi und Boris Strugazki</strong> ♦ Außerirdische haben die Erde besucht. Jahre später ist immer noch unklar, was sie wollten, doch in den besuchten "Zonen" ist ein normales Leben nicht mehr möglich. <a href="http://www.habenichtse.de/marchen/picknick-am-wegesrand/"> lesen ...</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Roman von <a href="http://www.habenichtse.de/biografie/arkadi-und-boris-strugazki/" target="_self">Arkadi und Boris Strugazki<br />
</a> Originaltitel »Piknik na Obočine«, Erstveröffentlichung 1972<br />
erste deutsche Übersetzung 1976</p>
<p>Auf Motiven von »Picknick am Wegesrand« beruht der Film Stalker (1979, Regie: Andrei Tarkowski). Der Film weicht in vielerlei Hinsicht vom Roman ab, doch stammt das Drehbuch ebenfalls von den Brüdern Strugazki.</p>
<h3>Inhalt</h3>
<p>In sechs eng umgrenzten Gebieten der Erde hat es vor einigen Jahren Besuche von Außerirdischen gegeben. Was dabei genau passierte, wer die Außerirdischen waren und warum sie sich so schnell und ohne Kontaktaufnahme wieder zurückgezogen haben &#8212; all dies wird in »Picknick am Wegesrand« nicht thematisiert. Vielmehr geht es darum, wie sich die Menschen im Umfeld eines der betroffenen Gebiete &#8212; »die Zone« genannt &#8212; mit der neuen Situation arrangieren. Charakteristisch für den Roman ist der Kontrast zwischen der Unerhörtheit der Ereignisse und der Vertrautheit der Handlungsmuster, nach denen die Menschen in der Nachbarschaft der »Zone« ihr Leben »nach dem Besuch« gestalten.</p>
<p>Die Zone, ein Teil der nordamerikanischen Stadt Harmont, ist durch den Besuch unbewohnbar geworden und wird vom Militär streng abgeriegelt. Die fremden Invasoren haben unzählige tödliche Fallen hinterlassen, deren Gefährlichkeit auf dem Außerkraftsetzen physikalischer Gesetze beruht. Wissenschaftler versprechen sich von hinterlassenen Gegenständen Aufschluss über das Wesen der Außerirdischen sowie über deren Motive. Unter militärischer Bewachung werden solche »Artefakte« aus der Zone herausgeholt (anfangs von Menschen, später wegen des hohen Risikos von Robotern) und in einem eigens hierfür errichteten Institut wissenschaftlich untersucht. Mit den Jahren, über die sich die Handlung erstreckt, mutet die anfangs völlig rational erscheinende wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Besuch immer mehr wie ein Ritual an. Die Frage, welche Absicht die Besucher verfolgt haben könnten, wird mehr und mehr aufgegeben. Anstatt nach einem Sinn zu fragen, findet man sich damit ab, dass der Besuch etwas Beiläufiges, gar Banales gewesen sein könnte: die Fremden haben kurz auf der Erde Rast gemacht, die Menschen wahrscheinlich gar nicht wahrgenommen, und sind, ihren gefährlichen Unrat zurücklassend aber ohne böse Absicht, wieder verschwunden. So wie Spaziergänger ein kurzes Picknick am Wegesrand abhalten, ohne die kleinen Wesen wahrzunehmen, deren Welt sie dadurch stören.</p>
<p>Das vorher unbedeutende Provinznest Harmont hat durch den Besuch eine Aufwertung erfahren, die in Anbetracht der verheerenden Folgen für die ursprüngliche Bevölkerung makaber erscheint (angesichts realer Katastrophen allerdings auch recht glaubhaft). Neben Militärs und Wissenschaftlern haben sich Abenteurer, Glücksritter und Geschäftemacher im bewohnbaren Teil der Stadt niedergelassen. Denn die Artefakte aus der Zone sind nicht nur Gegenstand wissenschaftlichen Interesses, sondern auch begehrte Sammlerobjekte, für die sich mit der Zeit ein wirtschaftlich bedeutender Schwarzmarkt entwickelt hat. Und diese Entwicklung erscheint absolut folgerichtig: »der Besuch« markiert den Beginn einer neuen Zeitrechnung, nach wenigen Jahren des Versuchs einer rationalen Erklärung beginnt die Mythenbildung, und die dazugehörigen Reliquien sind die von den Außerirdischen hinterlassenen Artefakte.</p>
<p>Eine wichtige Säule des florienden Schwarzmarkts sind Männer, die verwegen genug sind, die begehrten Artefakte aus der Zone herauszuholen. Als Lohn winkt sehr viel Geld, der Einsatz ist allerdings das eigene Leben. Die besten Chancen haben die Erfahrensten, und deshalb ist es nur logisch, dass unter den illegalen »Schatzgräbern« nicht wenige sind, die die Zone in den ersten Jahren nach dem Besuch offiziell in wissenschaftlicher Mission betreten durften. Einer dieser erfahrenen Schatzgräber ist Roderic Schuchart, aus dessen Perspektive die Geschichte größtenteils erzählt wird. Auch ihn lockt das Geld, doch erst nach und nach wird klar, dass es etwas viel Bedeutenderes gibt, was ihn dazu bringt, in der Zone sein Leben zu riskieren: die sagenumwobene goldene Kugel, die angeblich alle Wünsche erfüllen kann. In einem letzten, dramatischen Gang in die Zone gelingt es Schuchart tatsächlich, die goldene Kugel zu erreichen &#8212; nur um zu erkennen, dass er unfähig zur Äußerung seiner ureigensten Wünsche ist.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.habenichtse.de/marchen/picknick-am-wegesrand/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

