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	<title>Website der Habenichtse &#187; Dystopie</title>
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	<description>Fantastische Literatur &#38; Science Fiction</description>
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		<title>Vom Leben und Tod Gottes</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Aug 2010 19:41:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Moderne Phantastik]]></category>
		<category><![CDATA[Science Fiction]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>

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		<description><![CDATA[<strong>James Graham Ballard</strong> ♦ Wer hätte das gedacht: die Existenz Gottes wurde wissenschaftlich nachgewiesen! Doch leider führt diese Sensation zur globalen Krise in Wirtschaft, Politik und den Religionen, aus der es nur einen Ausweg gibt. <a href="http://www.habenichtse.de/science-fiction/vom-leben-und-tod-gottes/"> lesen ...</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Kurzgeschichte von <a href="http://www.habenichtse.de/biografie/james-graham-ballard/" target="_self">James Graham Ballard<br />
</a> Erstveröffentlichung 1976<br />
Originaltitel <em>The Life and Death of God</em></p>
<p>Erstmals wurde die Kurzgeschichte »Vom Leben und Tod Gottes« in dem britischen Literaturmagazin <em>Ambit</em> abgedruckt. In deutscher Übersetzung ist sie als Titelgeschichte im zweiten Band der bei Heyne erschienen gesammelten Erzählungen Ballards enthalten.</p>
<h3>Inhalt</h3>
<blockquote><p><em>Im Frühling und Sommer 1980 begann ein unerhörtes Gerücht in der Welt zu kursieren.</em></p></blockquote>
<p>Mit diesem Satz beginnt die Geschichte vom Leben und Tod und Gottes, und man ahnt es gleich: Das Gerücht beagt, dass Gott tatsächlich existiert. Schon als Gerücht entfaltet diese Nachricht ungeheuere Wirkung. Rohstoffpreise brechen ein, Panikverkäufe erschüttern die Wirtschaft, Regierungen veröffentlichen Dementis. Die Arbeiterschaft wird über alle Grenzen hinweg von Arbeitsunlust und fröhlicher Gelassenheit erfasst. Hingegen warnt ausgerechnet die Priesterschaft über alle Glaubensgrenzen hinweg vor voreiligen Schlüssen. Kurz darauf geben die Vertreter der großen Weltreligionen den Zusammenschluss zur Vereinten Glaubensgemeinschaft bekannt.</p>
<p>Gegen Ende des Sommers wird auf einer Sitzung der Vereinten Nationen aus dem Gerücht Gewissheit. Forscher der großen Observatorien von Jodrell Bank und Arecibo haben die Existenz Gottes nachgewiesen. Die Untersuchung von Mikrowellen ergab, dass alle Materie und der gesamte Raum von unendlich kleinen Vibrationen durchdrungen ist. Und dieses elektromagnetische System zeigt alle Merkmale einer eigenen Intelligenz! Die Sitzung endet mit einer Verlautbarung des Präsidenten der Vereinten Nationen an die schweigend vor den Fernsehern sitzende Weltbevölkerung:</p>
<blockquote><p><em>Der uralte Glaube der Menschheit an ein Göttliches Prinzip sei nun schließlich wissenschaftlich bestätigt worden, und vor ihnen liege jetzt eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte.</em></p></blockquote>
<p>Am nächsten Tag überall die Schlagzeile</p>
<blockquote><p><strong>GOTT LEBT. Höchstes Wesen durchdringt Universum</strong></p></blockquote>
<p>Einige Wochen vergehen im religiösen Taumel. Bald zeigen sich Sekundärphänomene. Der Krankenstand sinkt, geistige Leiden verschwinden völlig. Polizeiverbände werden aufgelöst und Soldaten auf unbestimmte Zeit beurlaubt. Die Berliner Mauer wird abgerissen. Die Wirtschaft erlebt einen rasanten Niedergang, während &#8212; vor allem in Europa und den USA &#8212; der neue Mensch gefeiert wird. Mit großem Interesse befasst man sich mit Fragen der Ethik und der genauen mathematischen Natur der Gottheit.</p>
<p>Im Herbst machen sich die Konsequenzen des Wertewandels unangenehm bemerkbar. Während in Industrie und Landwirtschaft noch auf akzeptablem Niveau produziert wird, zeigen Handel und Politik erhebliche Auflösungserscheinungen, denn sämtliche Spielarten der Lüge sind nun verpönt. Die Führer der Vereinten Glaubensgemeinschaft sehen ihre Führungsrolle immer stärker in Zweifel gezogen. Zum einen kommunizieren die Menschen lieber direkt mit Gott, zum anderen haben die Kirchen ein Legitimationsproblem: Das Offenbarwerden Gottes geschah aus Wissen, nicht aus Glauben. Die Veränderungen beunruhigen Priester, Politiker und Bosse. Im Oktober</p>
<blockquote><p>.<em>.. stellte ein prominenter Erzbischof öffentlich die wissenschaftliche Sicht der Gottheit als eines Wesens von allumfassender neutraler Intelligenz infrage.</em></p></blockquote>
<p>Der Erzbischof betont den Dualismus von Gut und Böse,<em> </em>»die Fähigkeit zur Sünde sei eine Vorbedingung für die Erlösung.«<em> </em>Es finden sich Leute, die hierin eine Aufforderung zu spektakulären Verbrechen sehen. Und es finden sich Politiker, die die Vorstellung einer alldurchdringenden Gottheit als Affront gegen die Freiheit anprangern. Unternehmer schließen sich an.</p>
<blockquote><p><em>Die Wissenschaftler von Jodrell Bank und Arecibo [..] wurden gebeten, ihre ursprünglichen Entdeckungen noch einmal zu überdenken.</em></p></blockquote>
<p>Die Adventszeit verläuft in aufgeregter, aber keineswegs fröhlicher Stimmung. In den Läden gibt es kaum nocht etwas zu kaufen, allerdings hat auch kaum noch jemand Geld. Der Zustrom zur Vereinten Glaubensgemeinschaft ist größer dann je, doch sperren immer mehr Kirchen, Moscheen und Synagogen die beunruhigten Massen aus. Meldungen über verheerende Naturkatastrophen überspielen das allgemeine Unbehagen. Wenige Wochen vor Weihnachten brechen an mehreren Konfliktherden Kriege aus, was in den ersten Monaten nach der Offenbarwerdung unvorstellbar schien. Am Weihnachtsabend meldet Radio Peking den erfolgreichen Test einer gigantischen Wasserstoffbombe. Und gerade noch rechtzeitig macht sich die ersehnte Feststimmung auf den Straßen, in den Kaufhäusern und den (wieder für alle offenen) Kathedralen breit.</p>
<blockquote><p><em>Eingefangen von dieser Feststimmung beachteten nur wenige Menschen die Veröffentlichung dessen, was ein Sprecher der Vereinten Glaubensgemeinschaft eine der weitest reichenden und revolutionärsten religiösen Schriften überhaupt nannte, die Weihnachts-Enzyklika, mit dem Titel GOTT IST TOT &#8230;</em></p></blockquote>
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		<title>Uhrwerk Orange</title>
		<link>http://www.habenichtse.de/science-fiction/uhrwerk-orange/</link>
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		<pubDate>Sat, 07 Aug 2010 01:01:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Moderne Phantastik]]></category>
		<category><![CDATA[Science Fiction]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Freiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Individuum]]></category>

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		<description><![CDATA[<strong>Anthony Burgess</strong> ♦ Alex ist 15, intelligent und liebt klassische Musik. Und er ist ein Gewalttäter ohne jegliche Empathie. <a href="http://www.habenichtse.de/science-fiction/uhrwerk-orange/"> lesen ...</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Roman von <a href="http://www.habenichtse.de/2008/12/anthony-burgess/" target="_self">Anthony Burgess</a><br />
Originaltitel »A Clockwork Orange«<br />
Erstveröffentlichung 1962, deutsche Erstveröffentlichung 1972</p>
<p>A »Clockwork Orange« wurde 1971 unter dem gleichen Titel von Stanley Kubrick verfilmt. Der Film wurde wegen der Darstellung von und der Auseinadersetzung mit Gewalt kontrovers aufgenommen.</p>
<h3>Inhalt</h3>
<p>Der fünfzehnjährige Alex und seine drei Kumpane verbringen ihre Abende damit, wehrlose Menschen zusammenzuschlagen, kleine Ladenbesitzer auszurauben, Frauen oder gar kleine Mädchen zu vergewaltigen und sich Messerstechereien mit anderen Gangs zu liefern. All dies geschieht ohne erkennbares Motiv, vielleicht aus Langeweile, aus Spaß oder einfach so. In einer ausführlich geschilderten Gewaltorgie zu Beginn des Romans überfallen die vier das einsam gelegene Haus von Mr. und Mrs. Alexander, schlagen den Mann brutal zusammen und vergewaltigen dann vor dessen Augen die Frau. Alex, der jugendliche Antiheld des Romans, ist ohne jegliches Mitgefühl für seine Opfer &#8212; und nach seinen Greueltaten hört er zur Entspannung klassische Musik, am liebsten Beethoven. Er drückt sich in einer (eigens von Burgess kreierten) dumpfen Jugendsprache aus, doch gleichzeitig in einer Art und Weise, die erkennen lässt, dass Alex eher überdurchschnittlich intelligent ist. An seinem Führungsanspruch innerhalb der Gang lässt er keinen Zweifel. Es kommt zum Konflikt, als er einen seiner Kumpane, den einfach gestrickten Doofie, herablassend behandelt und verprügelt. Scheinbar kann Alex seine Autorität wiederherstellen, doch die anderen hegen von nun an einen stillen Groll gegen ihn. Der nächste gemeinsame Raubüberfall wird Alex zum Verhängnis: Während seine Kumpane vor der Tür warten, steigt Alex allein in die Wohnung einer alten Dame, die wehrt sich erstaunlich heftig und ruft die Polizei. Die Kumpane verduften, als sie die Polizeisirene hören &#8212; Doofie allerdings erst, nachdem er Alex mit einer Fahradkette fluchtunfähig geschlagen hat. Alex wird gefasst, ahnt aber zum Zeitpunkt seiner Festnahme nicht, dass es noch viel dicker kommt: Ausgerechnet bei diesem Überfall stirbt das Opfer, und Alex wird wegen Mordes zu 14 Jahren Haft verurteilt.</p>
<p>Bis zu diesem Punkt der Handlung hat man knapp die Hälfte des Romans gelesen. Alex erzählt seine Geschichte selbst. Dies ist keineswegs so simpel, wie es klingt, denn die Geschichte verweigert sich allgemeinen Lesegewohnheiten. Die meisten Ich-Erzähler sind positive Identifikationsfiguren für den Leser, und wo von dieser Regel abgewichen wird, geschieht dies meist, um den Leser in die Seelenabgründe des in der Ich-Form erzählenden Bösewichts schauen zu lassen. Uhrwerk Orange ist anders. Wohl lässt Burgess den Leser in die Seele von Alex blicken, doch was er dort sieht ist: eigentlich nichts. Wer sich angesichts jugendlicher Gewalttäter fragt: Was geht in solchen Köpfen nur vor?, wird bei Burgess keine Antwort finden. Der Leser steht Alex irgendwann so ratlos gegenüber wie dessen Eltern, die anscheinend nicht so genau wissen wollen, was ihr Sohn Abend für Abend treibt. Ein hoffnungsloser Fall. Erst nachdem Burgess seine Leser bis zu diesem Punkt geführt hat, wendet er sich dem eigentlichen Thema des Buches zu: Darf ein Staat (oder allgemeiner die machtausübende Instanz einer Gesellschaft) Individuen die Freiheit nehmen, selbst zwischen »Gut« und »Böse« zu wählen? Wenn es keine Alternative zu »Gut« gibt, welchen moralischen Wert hat dieses »Gut« dann noch?</p>
<p>Nachdem Alex zwei Jahre seiner Strafe abgesessen (und sich beim Gefängnispfarrer eingeschmeichelt) hat, bietet sich ihm die Chance einer vorzeitigen Haftentlassung. Einzige Bedingung ist, dass er sich einer neuartigen »Behandlungsmethode« unterzieht, die seine Gewaltneigung in nur 14 Tagen »heilen« soll. Alex fragt nicht lange und willigt ein, denn: Hält er diese Behandlung durch, ist er sofort ein freier Mann. Er fragt auch nicht, was ihm da eigentlich für Spritzen verabreicht werden. Doch in der ersten sogenannten Sitzung merkt Alex, dass seine Behandlung kein Spaziergang wird. Geschwächt von der Spritze und deshalb im Rollstuhl sitzend, wird er an den Armen, an den Beinen, am Rücken festgeschnallt, sein Kopf wird fest arretiert und sogar seine Augenlider werden mithilfe spezieller Instrumente aufgesperrt. Diese Maßnahmen dienen einzig dem Zweck, Alex keine Chance zu lassen, sich von dem Film abzuwenden, der ihm nun vorgeführt wird. Es ist dies eine einzige Aneinanderreihung von Gewaltszenen. Alex merkt, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Statt Vorfreude auf eine Vergewaltigung, statt dem Impuls, selbst mit zuzuschlagen, wenn er sieht, wie Wehrlose verprügelt werden, spürt er zunächst leichtes Unwohlsein und Kopfschmerzen, später Übelkeit bis zum Brechreiz. Sogar an Alex&#8217; Vorliebe für klassische Musik und die für ihn charakteristische Kopplung zwischen Gewalt(fantasien) und Musik wurde bei der Behandlung gedacht: Zu den brutalen Filmszenen erklingt Beethoven. Die Erfinder der Methode nennen dies »Konditionierung«: Der Proband wird durch das injizierte Medikament und die visuellen Reize so »umgepolt«, dass der Anblick von und schon der Gedanke an Gewalt ihn nicht mehr positiv stimuliert, sondern im Gegenteil Übelkeit und Schmerzen verursacht. Jemand, der so »funktioniert«, stellt keine Gefahr mehr für seine Mitmenschen dar und kann zwecks Entlastung der stark überfüllten Gefängnisse in die Freiheit entlassen werden. Aber ist er deswegen schon gut? Kritiker der neuen Methode gehen sogar noch weiter: Ist jemand, der dank Konditionierung keine Gewalttaten begeht, überhaupt noch ein Mensch? Oder ist er einem Uhrwerk ähnlicher, in dem sich, einmal aufgezogen, die Rädchen genau so drehen, wie es die Mechanik vorsieht? Hier erschließt sich endlich die Bedeutung des Titels: Orang ist das malaiische Wort für Mensch (Burgess lebte in den 1950er-Jahren einige Zeit in Malaysia), also »Uhrwerk Mensch«.</p>
<p>Alex jedenfalls erreicht durch den Behandlungserfolg sein angestrebtes Ziel, die Entlassung. Draußen ist allerdings einiges nicht so wie erwartet. In seinem Zimmer bei den Eltern wohnt neuerdings ein Untermieter. Er hat niemanden, mit dem er abhängen könnte, denn seine Kumpane von früher haben ihn verraten. Doch das Schlimmste ist: Mit seiner Gewaltneigung scheint Alex auch die Freude am Leben verloren zu haben. Er wird von einer Horde alter Männer verprügelt, einer davon ein früheres Opfer, der ihn wiedererkannt hat. Zwei herbeigerufene Polizisten halten es ohne weitere Untersuchung für ausgemacht, dass Alex die Prügelei angezettelt hat. Sie fahren mit ihm raus aus der Stadt, schlagen ihn zusammen und lassen ihn liegen. Die beiden sind Profis: der eine ist Doofie, der andere ein alter Bekannter aus einer rivalisierenden Gang.</p>
<p>Alex wird nun endgültig zum Spielball politischer Interessengruppen, was sich während seiner Behandlung schon angedeutet hatte. In hilfloser Verfassung gerät er ausgerechnet an sein früheres Opfer Mr. Alexander, der ihn zunächst nicht erkennt, wieder aufpäppelt und reges Interesse an Alex&#8217; Schiksal zeigt. Mr. Alexander ist Mitglied einer oppositionellen Gruppe, die die Unmenschlichkeit der Regierung anprangert. Es stehen Wahlen an, und da kommt Alex als plakatives Beispiel dafür, was diese Regierung aus einem jungen Menschen machen kann, gerade recht. Selbst als Mr. Alexander in Alex den Holligan von einst wiedererkennt, gibt er dies nicht offen zu erkennenen, wenngleich er nun nicht mehr freundlich ist. Ideologie siegt über Emotion, Alex ist für die Gruppe nützlich. Er wird in ein Appartment in der Stadt gebracht, um ihn für Wahlkampfzwecke verfügbar zu halten. Allein in seinem Appartment, hört Alex aus der Nebenwohnung Musik. Das hält er nicht aus, denn nach seiner Behandlung löst Musik die gleichen Reaktionen aus wie die Vorstellung oder der Anblick von Gewalt. Sein Schreien &#8220;Aufhören! Aufhören!&#8221; wird nicht erhört, die Zimmertür ist abgeschlossen. Alex springt aus dem Fenster.</p>
<p>Als er im Krankenhaus wieder aufwacht, ist wiederum eine Veränderung mit ihm vorgegangen. Er kann Musik wieder hören, ohne dass ihm schlecht wird und auch seine alte Freude an Gewalt ist wieder da. Schnell hat er  neue Kumpane um sich gescharrt, doch dann endet der Roman relativ unvermittelt damit, dass Alex die Phase seiner jugendlichen Gewaltexzesse für beendet erklärt und beschließt, sich ein Mädchen zu suchen, mit dem er eine Familie gründen kann.</p>
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		<title>Träumen Androiden von elektrischen Schafen?</title>
		<link>http://www.habenichtse.de/science-fiction/traumen-androiden-von-elektrischen-schafen/</link>
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		<pubDate>Thu, 05 Aug 2010 00:30:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Science Fiction]]></category>
		<category><![CDATA[Apokalypse]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Paranoia]]></category>
		<category><![CDATA[Realität]]></category>
		<category><![CDATA[Roboter]]></category>

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		<description><![CDATA[<strong>Philip K. Dick</strong> ♦ Die Erde ist nach einem Atomkrieg kaum mehr bewohnbar; die meisten Überlebenden sind auf den Mars ausgewandert. Androide Roboter sollen den Menschen dienen, doch einige zeigen sich widerspenstig und werden von Androidenjägern verfolgt. <a href="http://www.habenichtse.de/science-fiction/traumen-androiden-von-elektrischen-schafen/"> lesen ...</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Roman von <a href="http://www.habenichtse.de/2008/12/philip-k-dick/">Philip K. Dick<br />
</a>Erstveröffentlichung 1968<br />
Originaltitel »Do Androids Dream of Electric Sheep?«</p>
<p>Der Roman ist die Grundlage des Kultfilms »Bladerunner« (1982) von Ridley Scott. Dick war in die Produktion des Films einbezogen worden (wenn auch nicht von anfang an); er starb jedoch wenige Monate vor der Uraufführung.</p>
<h3>Inhalt</h3>
<p>Der Roman spielt in naher Zukunft in San Francisco, allerdings in einer alptraumhaften, postapokalyptischen Szenerie. Die Stadt ist wie der Rest der Erde infolge eines Atomkrieges verwüstet, die meisten Überlebenden sind auf den Mars ausgewandert. Für das großangelegte Auswanderungsprogramm haben die Menschen eigens humanoide Roboter (»Androiden«) konstruiert, die ihnen in puncto Intelligenz weit überlegen sind. Die Androiden haben die Aufgabe, den Menschen bei der Urbanisierung des neuen Territoriums zu helfen, doch werden sie von diesen nicht im entferntesten als lebende Wesen angesehen. Einige Androiden ziehen es vor, auf die Erde zurückzukehren, was ihnen strengsten untersagt ist. Auf der Erde werden sie von »Prämienjägern« wie dem Protagonisten Rick Deckard gnadenlos zur Strecke gebracht.</p>
<p>Anhand der Konfrontation zwischen Mensch und Androide wird die Frage thematisiert, welche spezifisch menschlichen Eigenschaften den Menschen als solchen auszeichnen. Oder noch einfacher gesagt: Was macht den Menschen zum Menschen? Die These, dass dies die Empathie, also die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen sei, wird Deckard anfangs als Überzeugung mit auf den Weg gegeben. Im Verlaufe der Handlung gerät sie immer mehr ins Wanken. Am Ende bleibt die Frage: Wenn es nicht Empathie, was uns zu Menschen macht &#8212; was ist es dann? Es ist weniger der postapokalyptische Plot als die Ratlosigkeit in Bezug auf diese Frage, die den Roman für den Leser so verstörend macht.</p>
<h2>Themen, Motive</h2>
<p>Das zentrale Thema des Romans, nämlich, was den Menschen von Androiden unterscheidet, wurde im Film »Blade Runner« übernommen. Im Film tritt die mit dieser Frage verbundene Paranoia noch etwas stärker in den Vordergrund, u.a. dadurch, dass am Ende angedeutet wird, Rick Deckard könnte selbsr ein Androide sein. Daneben gibt es im Roman eine Reihe von Handlungssträngen bzw. Motiven, die im Film weggelassen wurden.</p>
<p><strong>Tiere und elektrische Tiere</strong></p>
<p>Eines der interessantesten Elemente ist die melancholische Liebe der Menschen zu Tieren. Viele Tierarten sind bereits ausgestorben, von anderen leben nur noch wenige Exemplare, die entsprechend begehrt und teuer sind. Wer sich kein echtes Tier leisten kann, hält sich zumindest eines der täuschend echt nachgemachten. So auch Rick Deckard und seine Frau (die im Film ebenfalls nicht vorkommt). Das echte Schaf der beiden ist verstorben, weshalb sie sich nun ein elektrisches Schaf auf ihrer Dachterrasse halten. Ein Tier ist in dieser postapokalyptischen Gesellschaft eindeutig ein Statussymbol, aber es ist mehr als das. Durch die liebvolle Pflege eines Tieres demonstriert ein Mensch sich und anderen, dass er zur Empathie fähig &#8212; also ein Mensch &#8212; ist. Die Sehnsucht nach einem echten Tier und die damit verbundene Notwendigkeit, das erforderliche Geld zu beschaffen, ist für Deckard die Hauptmotiv für seinen Job, der darin besteht, Androiden zu töten. Der Titel »Träumen Androiden von elektrischen Schafen« ist also gewissermaßen eine andere Formulierung der Frage, mit der sich Deckard immer klarer konfrontiert sieht: Ist mein Feind, der Androide, nicht am Ende genau so ein Mensch wie ich?</p>
<p><strong>Menschliche Sonderfälle</strong></p>
<p>Was im Film ebenfalls nicht umgesetzt wurde, ist die scharfe Unterteilung der »echten« Menschen in zwei Klassen, die die Konfrontation zwischen Mensch und Androide auf sarkastische Weise spiegelt. »Normale« Menschen wie die Deckards könnten auswandern, wenn sie wollten bzw. die Ausreise ist sogar erwünscht. Von der Ausreise ausgeschlossen sind dagegen die sogenannten »Sonderfälle«, Menschen, deren Erbgut so stark geschädigt ist, dass sie unfruchtbar sind. An anderer Stelle werden sie auch als »degeneriert« bezeichnet. Die Sonderfälle verrichten niedrige Arbeiten und hausen wie Aussätzige, isoliert in fast unbewohnten Wohnblocks, die kaum mehr als Ruinen sind. Ein solcher Sonderfall ist J.R. Isidore, der zwei verschiedene Handlungsstränge des Romans miteinander verknüpft: zum einen ist er Fahrer bei einer Reparaturwerkstatt für elektrische Tiere (euphemistisch als Tierklinik bezeichnet), zum anderen gewährt er einer entflohenen Androidin Unterschlupf, die auf Deckards Abschussliste steht.</p>
<p><strong>Mediale Beeinflussung</strong></p>
<p>Ein weiteres im Film allenfalls angedeutetes Thema ist die permanente Einflussnahme der nicht direkt in Aktion tretenden Obrigkeit auf die Psyche der Menschen. Eine Ausprägung dieser Einflussnahme ist die »Stimmungsorgel«, mit der man sein mentales Befinden programmieren kann. Dass dies nicht allzu gut funktioniert, wird bereits auf den ersten Seiten des Romans klar: Deckards Frau leidet offensichtlich an einer Depression und ist eben wegen ihrer niedergedrückten Stimmung unfähig, die Stimmungsorgel auf ein für sie günstigeres Programm einzustellen.</p>
<p>Eine wichtige Rolle spielt der »Mercerismus«, eine Pseudoreligion, deren zentraler Glaubensgrundsatz das Gemeinschaftsgefühl ist. Praktiziert wird der Mercerismus v.a. mithilfe der »Einswerdungsbox«, die ihrem jeweiligen Benutzer des Gefühl vermittelt, unter Schmerzen mit anderen zu verschmelzen, »eins zu werden«. Am Ende stellt sich das Ganze natürlich als Schwindel heraus: die von der Einswerdungsbox vergegaukelte Szene entstammt einem alten Hollywoodschinken und Wilbur Mercer, der Begründer der Religion, ist in Wirklichkeit ein alkoholsüchtiger, heruntergekommener Schauspieler.</p>
<p>Für den heutigen Leser geradezu befremdlich vertraut wirkt der Entertainer Buster Freundlich, der 23 Stunden am Tag mit seiner aufheiternden Sendung im Fernsehen zu sehen ist und dort ungeachtet des überall sichtbaren Notstands gute Stimmung verbreitet. Der Leser ahnt es bereits vor der Enthüllung: Diese geradezu übermenschliche Leistung ist nur möglich, weil Buster Freundlich selbst ein Androide ist.</p>
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		<title>Die andere Seite</title>
		<link>http://www.habenichtse.de/moderne-phantastik/die-andere-seite/</link>
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		<pubDate>Thu, 29 Jul 2010 13:32:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Moderne Phantastik]]></category>
		<category><![CDATA[Apokalypse]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Traum]]></category>

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		<description><![CDATA[<strong>Alfred Kubin</strong> ♦ Der Ich-Erzähler beginnt ein neues Leben in der Stadt Perle, einem fernen Utopia irgendwo in den Bergen des  Ostens. Binnen weniger Jahre verkehrt sich Hoffnung in Schrecken. <a href="http://www.habenichtse.de/moderne-phantastik/die-andere-seite/"> lesen ...</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>fantastischer Roman von Alfred Kubin<br />
Erstveröffentlichung 1909</p>
<p>Die andere Seite ist der einzige Roman des österreichischen Grafikers und Illustrators Alfred Kubin (*10. April 1877, † 20. August 1959). Er steht in der Tradition von <a href="http://www.habenichtse.de/biografie/e-t-a-hoffmann/" target="_self">E.T.A. Hoffmann</a> und <a href="http://www.habenichtse.de/biografie/edgar-allan-poe/" target="_self">Edgar Allan Poe</a>, deren Werke Kubin illustrierte.<br />
Der Ich-Erzähler berichtet von seinen Erlebnissen in der fiktiven Traumstadt Perle, die ihm anfangs als fernes Utopia anlockte und in den etwa drei Jahren der Handlung in einem apokalyptischen Szenario untergeht. 2009 &#8212; hundert Jahre nach der Erstveröffentlichung &#8212; erschien in der Bibliothek Suhrkamp eine Ausgabe mit den Originalillustrationen Kubins.</p>
<p><strong>Inhalt</strong></p>
<p>Der Erzähler &#8212; Zeichner und Illustrator wie Kubin selbst &#8212; lebt in kleinen Verhältnissen, aber glücklich verheiratet und beruflich aufstrebend in München. Eines Tages erscheint bei ihm ein unangemeldeter Besucher, der ihm Grüße von seinem fast vergessenen Schulkameraden Claus Patera ausrichtet. Ohne Umschweife kommt der Fremde auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen: Patera ist durch nicht näher benannte Umstände zu unerhörtem Reichtum gekommen, hat mit diesem irgendwo in Zentralasien ein strikt abgeschottetes Reich errichtet und lässt dieses durch Personen seiner Wahl besiedeln. Eine entsprechende Einladung ergeht nun an den Erzähler:</p>
<blockquote><p><em>Claus Patera, absoluter Herr des Traumreichs, beauftragt mich als Agenten, Ihnen die Einladung zur Übersiedlung in sein Land zu überreichen.</em></p></blockquote>
<p>Was der Fremde über Pateras Traumreich berichtet, ist eigentlich absolut unglaubwürdig. Ein in der übrigen Welt unbekannter Staat im Inneren Asiens, vollständig umgeben von einer dicken Mauer mit einem einzigen, streng überwachten Tor? Unerschöpfliche finanzielle Mittel, mit denen Patera (»der Herr«) in ganz Europa komplette Häuser kaufen, abtragen und in seinem Reich wieder aufbauen lässt? Und von all dem soll bisher niemand etwas bemerkt haben, ebensowenig vom Verschwinden der Übersiedler ins Traumreich? Zwar hat der Erzähler anfangs starke Zweifel, hält den Fremden gar für einen Verrückten, doch macht seine Skepsis freudiger Erregung Platz, als der ihm als »Legitimation« ein Porträt Pateras vorzeigt. Logisch ist das alles nicht. Vielmehr erinnert es an die irrationale Rationalität mancher Träume, in denen der Träumer die unglaublichsten Geschehnisse akzeptiert, ohne aus seinem Traum herauszufallen. (»Eigentlich hätte ich doch an dieser Stelle merken müssen, dass ich träume.«) Die in dieser Anfangsszene noch vorsichtig angedeutete Verflechtung von Traum und Realität durchzieht den gesamten Roman. Allerdings weichen die anfangs hoffnungsvoll-fantastischen Träumereien später Halluzinationen und Wahnvorstellungen, die im apokalyptischen Untergang des Traumreiches gipfeln.</p>
<p>Der Erzähler nimmt nach anfänglichem Zögern die Einladung an und reist mit seiner Frau im Orientexpress Richtung Osten, entlang der altbekannten Route: München &#8212; Constanza &#8212; Batumi &#8212; Baku &#8212; Samarkand. Dort bekommen die beiden eine Vorahnung von den weniger schönen Seiten des Traumreichs und sind entsprechend verstört. Der Erzähler muss seinen Fotoapparat zurücklassen, denn alles »Fortschrittliche« ist Patera zutiefst verhasst. Kleidung nach neuester Mode muss umgearbeitet oder durch Altmodisches ersetzt werden. Alle Habseligkeiten, selbst Bücher und Leibwäsche, werden genauestens inspiziert. Trotz ihres Unbehagens setzen die beiden ihre Reise auf einem Kamelkarren fort und gelangen schließlich nach Einbruch der Dunkelheit an das Tor des Traumreichs. Die hohe Grenzmauer zeichnet sich Unheil verkündend vor dem Nachthimmel ab, und die Frau flüstert im Halbschlaf prophetisch:</p>
<blockquote><p><em>Nie mehr komme ich da heraus.</em></p></blockquote>
<p>Weiter geht es mit dem Zug, der nicht gerade auf dem neuesten Stand der Technik ist, nach Perle, der Hauptstadt des Traumreiches. Der erste Anblick ist enttäuschend &#8212; es wirkt alles irgendwie schäbig, abgelebt und wie mit einer dicken Decke aus Melancholie zugedeckt. Nun gut, macht sich das Paar Mut, man ist um Mitternacht angekommen, da ist wohl nicht allzuviel Leben zu erwarten. Aber ein erster Spaziergang am nächsten Morgen kann den beiden das ungute Gefühl nicht nehmen.</p>
<blockquote><p><em>Es war ein trüber Tag.</em></p></blockquote>
<p>So wie jeder folgende Tag auch. In Perle scheint niemals die Sonne. Bestenfalls lassen Lichtstreifen auf der immer vorhandenen Wolkendecke ihren Stand erahnen, und nicht selten ist die Stadt in dichten Nebel gehüllt. Das Fehlen der Sonne nimmt auch der Natur ihre Farben; statt saftiger Wiesen und goldener Felder dominieren trübes Grün und tristes Braun. Reizlos ist auch das Klima, das keine heißen Sommer und keine frostig-klaren Winter kennt. Das Schwermütige der Stadt Perle wird gesteigert durch den träge und breit an ihrem Südrand dahinfließenden Fluss Negro, dessen Wasser eine »auffallend dunkle, fast tintige Färbung« hat. Der Stadt selbst ist trotz ihrer Schäbigkeit eine eigentümliche Harmonie nicht abzusprechen. Die in ganz Europa zusammengekauften Gebäude fügen sich, von Patera mit sicherem Instinkt ausgewählt, zu einem Ganzen. Alles folgt <em>einer</em> (nämlich seiner) Idee, nichts ist Zufall, nichts in Spontanität entstanden. So wundert es auch nicht, dass der Erzähler und seine Frau zuweilen das Gefühl haben, ein Gebäude bereits früher an einem anderen Ort schon einmal gesehen zu haben. Auch dieses Prinzip wird dem Leser/Träumer aus seinen eigenen Träumen vertraut sein.</p>
<p>Trotz des unterschwelligen Unbehagens beginnt sich das Paar in Perle einzuleben. Sie beziehen eine hübsche Wohnung zu mäßigem Preis, der Erzähler findet ohne eignes Zutun eine Stelle als Zeichner beim »Traumspiegel«, der wichtigsten (wie sich bald herausstellt: einzigen) Illustrierten von Perle. Schnell gewöhnt man sich an harmlose wie auch an bedenkliche Merkwürdigkeiten. Man kleidet sich wie früher die eigenen Großeltern, und man verlernt den gewohnten Umgang mit Geld. Denn die Wirtschaft des Traumreichs gehorcht nicht den bekannten, halbwegs rationalen Gesetzen, weshalb Tugenden wie Sparsamkeit und Vorausschau nichts nützen. Die Bewohner des Traumreichs sind Marionetten:</p>
<blockquote><p><em>Aber ging auch alles noch so sehr drunter und drüber, man fühlte eine starke Hand. Hinter den scheinbar unbegreiflichsten Zuständen witterte man ihre verborgene Kraft. Sie war die geheimnisvolle Ursache, daß sich dabei alles halten konnte und nicht ins Bodenlose stürzte.</em></p></blockquote>
<p>Ihn, Patera, kommt der Erzähler nicht zu Gesicht, und das, obwohl er als ehemaliger Schulkamerad in persönlicher Beziehung zu ihm steht. Um eine Audienz bei Patera, ihrem Herrn, zu bekommen, müssen sich seine Untertanen durch eine Bürokratie kämpfen, die nur mit einem Adjektiv zu beschreiben ist, das es zur Entstehungszeit des Romans noch nicht gab: kafkaesk. (Tatsächlich übte Kubins Roman auf Kafka einigen Einfluss aus.) Dass es Patera tatsächlich gibt, obwohl er für seine Untertanen unsichtbar bleibt, lässt sich genau genommen nur aus den allgemeinen Verfallserscheinungen schließen, die sich als Symptome von Pateras Machtverlust überall bemerkbar machen.</p>
<p>Der Sturz ins Bodenlose beginnt für den Erzähler mit dem Tod seiner geliebten Frau, deren Gesundheitszustand sich seit der Übersiedlung ins Traumreich zunehmend verschlechtert hatte. Er hat eine kurze, lieblose Affäre mit Melitta, der schönen, jungen Frau eines Arztes, die scheinbar für jeden zu haben ist. Er betrinkt sich, verfällt ins Arbeitsdelirium und erkennt in einem lichten Moment, dass er weder zum Selbstmord noch zum Leben fähig ist. Und dann bringt die »Stimme«, eine der beiden Tageszeitungen von Perle, eine unerhörte Meldung:</p>
<blockquote><p><em>Heute ist der Amerikaner angekommen.</em></p></blockquote>
<p>Der Amerikaner heißt Herkules Bell und besitzt angeblich sehr viel Geld. Darin gleicht er Patera, doch ansonsten verkörpert er das gegenteilige Prinzip: Fortschritt gegen Bewahrung des Alten, Rationalität gegen Träumerei, Freiheit gegen Gleichschaltung, ungehobeltes Aufreten gegen Feinsinnigkeit. Und er ist, ganz im Gegensatz zu dem unsichtbaren Patera, extrem präsent. Er wiegelt die Träumer gegen ihren Herrn auf und kann tatsächlich &#8212; auch durch den Einsatz von Geld &#8212; nicht wenige Gefolgsleute um sich scharen. Die Zustände im Traumstaat werden immer chaotischer. Latent vorhandene Geisteskrankheiten werden zu Massenerscheinungen. Es kommt zu immer mehr Selbstmorden. Prügeleien und Messerstechereien sind an der Tagesordnung.</p>
<p>Schließlich beschreibt Kubin in einem knapp 90 Seiten langen Kapitel mit dem Titel »Hölle« (ca. ein Drittel des Romans!) die vollständige Zerstörung der Traumstadt Perle. Gebäude verfallen in rasendem Tempo. Was einstürzt bleibt liegen, man sucht sich einen Unterschlupf, wo es eben gerade noch möglich ist. Wilde Tiere zeigen sich bar jeder Scheu in der Stadt und sind schon bald die eigentlichen Herrscher. Die Menschen betäuben sich in Ausschweifungen jeglicher Art, die schon zuvor lockeren Sitten steigern sich zum vollkommenen Sittenverfall und dem Verlust aller zivilisatorischer Gepflogenheiten. So etwas wie Empathie scheint es nicht (mehr?) zu geben: jeder erlebt die Hölle, aber jeder erlebt sie für sich allein. Da endlich, inmitten der Apokalypse, zeigt sich Patera dem Erzähler doch:</p>
<blockquote><p>.<em>.. und ich faßte meine letzte Kraft zusammen in die Frage: »Patera, warum läßt du das alles geschehen?« &#8212; Es kam lange keine Antwort. &#8212; Auf einmal rief er mit metallisch tönender Baßstimme: »Ich bin müde!«</em></p></blockquote>
<p>Und schließlich doch noch das Versprechen der Erlösung:</p>
<blockquote><p><em>Wie aus Urzeiten kam diese Frage her, vor Billionen von Jahren mußten diese Worte gesprochen worden sein, und jetzt erst brachte ich sie hervor, heute hörte man sie hier:<br />
»Patera, warum hast du nicht geholfen?«<br />
Und langsam, leblos senkten sich seine Lider, wobei mir wieder leichter wurde.<br />
In sein Antlitz trat nun unsägliche Milde, ein über die Maßen weicher, trauriger Zug bezauberte mich. Und wieder flüsterte es klar:<br />
»Ich habe geholfen, ich werde auch dir helfen!«</em></p></blockquote>
<p>Am Ende wird der Erzähler Augenzeuge des Todes von Patera, in dem er sich auf bizarre Weise mit seinem Widerpart, dem Amerikaner vereint. Dass beide wieder auferstehen, wird angedeutet, im Falle des des Amerikaners ist es gewiss:</p>
<blockquote><p><em>Der Amerikaner lebt heute noch, und ihn kennt alle Welt.</em></p></blockquote>
<p><strong>Interpretationsansätze</strong></p>
<p>Oft wurde über »Die andere Seite« geschrieben, der 1909 erschienene Roman habe die Greuel des 20. Jahrhunderts vorweggenommen. Sicher ist eine solche Interpretation angesichts des tatsächlichen Gangs der Geschichte möglich. Aber ganz so einfach ist es wohl nicht. Nicht nur, weil die Geschichte der menschlichen Greuelltaten so alt ist wie die Geschichte der Menschheit selbst. Nicht nur, weil man die Bedeutung eines Romans <em>nie</em> am Grad des Eintretens der in ihm enthaltenen Prophezeiungen messen sollte. Sondern vor allem deshalb, weil die von Kubin geschilderte Hölle wohl in erster Linie die »innere Hölle« des Einzelnen &#8212; in diesem Fall des Erzählers / Zeichners / Alter Egos &#8212; ist.</p>
<p>Kubin schreibt in einer fast naiv anmutenden Sprache, wenn es um die Schilderung des Alltagslebens seines Erzähler geht. Die eigentliche Geschichte, nämlich die des Zerfalls, des Untergangs und der Verzweiflung, erzählt er in so kraftvoller, bildhafter und symbolgeladener Sprache, dass man sich unweigerlich fragt: Wo kommt das alles her? Traumatische Kindheitserlebnisse und ein zumindest schwieriges Verhältnis zu seinem Vater lassen jedenfalls die Interpretation zu, dass sich hier ein junger Mann frei geschrieben hat, um seinen eigentlichen Weg &#8212; als bildender Künstler &#8212; gehen zu können. Auch in seinen Zeichnungen thematisiert er das Seelische, versucht auch, Traumbilder in seinen Werken festzuhalten. Mehr über das Leben und Werk von Alfred Kubin erfahren Sie zum Beispiel auf <a href="http://www.alfredkubin.at/" target="_blank">www.alfredkubin.at</a> (denn das hier ist eine Seite über fantastische Literatur).</p>
<p>Statt einer Interpretation seien hier die letzten Sätze des Romans »Die andere Seite« wiedergegeben, in denen der Erzähler das Erlebte reflektiert:</p>
<blockquote><p><em>Als ich mich dann wieder ins Leben wagte, entdeckte ich, daß mein Gott nur eine Halbherrschaft hatte. Im Größsten und im Geringsten teilte er mit einem Widersacher, der Leben wollte. Die abstoßenden und anziehenden Kräfte, die Pole der Erde mit ihren Strömungen, die Wechsel der Jahreszeiten, Tag und Nacht, schwarz und weiß &#8212; das sind Kämpfe.<br />
Die wirkliche Hölle liegt darin, daß sich dies widersprechende Doppelspiel in uns fortsetzt. Die Liebe selbst hat einen Schwerpunkt »zwischen Kloaken und Latrinen«. Erhabene Situationen können der Lächerlichkeit, dem Hohne, der Ironie verfallen.</em></p></blockquote>
<p><em>Der Demiurg ist ein Zwitter.</em></p>
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		<title>1984</title>
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		<pubDate>Sun, 25 Jul 2010 02:02:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Science Fiction]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
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		<category><![CDATA[Gewalt]]></category>

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		<description><![CDATA[<strong>George Orwell</strong> ♦ Die düstere Vision vom totalitären Überwachungsstaat gehört zu den großen Dystopien des 20. Jahrhunderts. <a href="http://www.habenichtse.de/science-fiction/1984-roman-george-orwell/"> lesen ...</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<table border="0">
<thead>
<tr>
<th>Autor</th>
<th>erschienen</th>
<th>Originaltitel</th>
</tr>
</thead>
<tbody>
<tr>
<td>George Orwell</td>
<td>1949</td>
<td>Nineteen Eigthy-Four</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>Orwells düstere Vision vom totalitären Überwachungsstaat gehört zu den großen Dystopien des 20. Jahrhunderts. Parallelen gibt es insbesondere zu dem bereits 1920 entstandenen Roman <a href="http://www.habenichtse.de/science-fiction/wir-jewgenij-samjatin/" target="_self">Wir </a>von Jewgenij Samjatin, der im Unterschied zu »1984« wenigstens noch etwas Raum für Hoffnung lässt. In Orwells Szenario, das aufgrund des trockenen, wenig poetischen Stils beklemmend realistisch wirkt, hat das Individuum keine Chance, dem brutalen System der organisierten Lüge zu entkommen. Das Symbol des »Großen Bruders«, dem allgegenwärtigen Überwacher (»Big Brother is watching you«) hat um die Jahrtausendwende durch die bekannte Fernsehshow eine makabere Popularität erlangt.</p>
<h3>Inhalt</h3>
<p><a href="#anker1">Ozeanien im Jahr 1984</a><br />
<a href="#anker2">Krieg ist Frieden</a><br />
<a href="#anker3">Unwissenheit ist Stärke</a><br />
<a href="#anker4">Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Gegenwart</a><br />
<a href="#anker5">Liebe ist Widerstand</a><br />
<a href="#anker6">Freiheit ist Sklaverei</a></p>
<p><strong><a name="anker1">Ozeanien im Jahr 1984</a></strong></p>
<p>Auf der Erde existieren noch drei Großstaaten: einer davonn ist Ozeanien, zu dem unter anderem Amerika und die britischen Inseln gehören. In Ozeanien herrscht ein streng hierarchisches System. Über allem wacht »der Große Bruder«, der immer Recht hat. Er ist allgegenwärtig, ohne jemals persönlich in Erscheinung zu treten. Jeder Bürger weiß zu jedem Zeitpunkt: Der Große Bruder sieht, was ich tue und er weiß, was ich denke. Ununterbrochen — bei der Arbeit, in der Öffentlichkeit und in der eigenen Wohnung — sind die Menschen den Teleschirmen ausgesetzt, die Parteipropaganda absondern und sie gleichzeitig observieren. Die Mitglieder der »inneren Partei« bilden eine privilegierte Schicht, die den zwangsläufig aus dem System resultierenden Mangel kaum zu spüren bekommen. Die Mittelschicht stellen die Mitglieder der »äußeren Partei«. In den Elendsquartieren leben die »Proles« — Proletarier.</p>
<p><strong><a name="anker2">Krieg ist Frieden</a></strong></p>
<p>Ozeanien befindet sich im permanentem Krieg mit einem der beiden anderen Staaten, entweder mit Eurasien oder mit Ostasien. Es kommt vor, dass der Kriegsgegner von einem Tag auf den anderen wechselt. In solchen Fällen wird die Geschichte kurzerhand umgeschrieben — was heute gefälscht wird, war morgen schon immer so. Der Zweck der Kriegsführung ist immer der Krieg selbst. Er ist notwendig, um Produktionsüberschüsse zu vernichten. Ohne den Krieg gäbe es Wohlstand für alle und, schlimmer noch, Menschen mit freier Zeit und Muße, über die bestehende Gesellschaftsordnung nachzudenken. Beides würde das hierarchische System Ozeaniens in seiner Existenz bedrohen.</p>
<p>»Krieg ist Frieden« lautet nicht ohne Grund eine der drei Parolen der Partei, die überall auf Plakaten zu lesen sind. Wer sich dieses Grundes bewusst ist, ist allerdings so gut wie tot — denn diesen Gedanken zu denken, ist ein Gedankenverbrechen, das von der Gedankenpolizei früher oder später aufgedeckt wird. Die Bevölkerung ist zwar permanenter Kriegspropaganda ausgesetzt, bekommt aber von den eigentlichen Kriegshandlungen wenig mit. Ab und zu schlagen Raketen ein, es gibt ein paar Hundert Tote — aber das sind fast immer Proles, und die zählen nicht. Es ist nicht ganz auszuschließen, dass die Bombardierungen von der Partei selbst inszeniert werden, um in der Bevölkerung den Hass zu schüren, der sie euphorisiert und den Mangel klaglos hinnehmen lässt. Jeden Tag wird der gemeinschaftliche Zweiminutenhass veranstaltet, dem sich kein Parteimitglied entziehen kann. Der Höhepunkt des Propagandajahres ist die Hasswoche.</p>
<p>Der wirkliche Krieg findet im Inneren des Staates Ozeanien statt. Wer sich nur der geringsten Abweichung von den Parteidoktrin schuldig — oder auch nur verdächtig — macht, wird vaporisiert: physisch und psychisch vernichtet, und zwar so gründlich, dass nichts mehr an seine Existenz erinnert. Die Vermeidung dieses Schicksals bedeutet ein Maß an Anpassung, dass eine Existenz als Individuum nicht mehr zulässt.</p>
<p><strong><a name="anker3">Unwissenheit ist Stärke</a></strong></p>
<p>Winston Smith, der Protagonist der Handlung, arbeitet im Ministerium für Wahrheit. Das Ministerium für Wahrheit (»Miniwahr«) hat unter anderem dafür zu sorgen, dass keine Prognose des Großen Bruders jemals mit der tatsächlichen Entwicklung in Widerspruch gerät. Dazu muss gegebenenfalls die Vergangeneinheit umgeschrieben werden — koste es, was es wolle. Unzählige Ministeriumsangestellte wie Winston sind permanent damit befasst, alte Zeitungsartikel und sonstige Dokumente den aktuellen Ereignissen »anzupassen«. In diesem Zusammenhang das Wort »fälschen« auch nur zu denken, wäre ein Gedankenverbrechen. Also ein tödlicher Fehler. Umgeschrieben werden Meldungen auch dann, wenn eine Person zur Unperson geworden ist. Mitglieder der äußeren Partei wie Winston Smith tilgen jeden noch so kleinen Hinweis, dass die betreffende Person jemals existiert hat.</p>
<p>Eine andere Abteilung arbeitet daran, die Sprache immer weiter zu vereinfachen, um feinere Nuancierungen unmöglich zu machen und so die Kommunikation zwischen den Individuen auf ein kontrollierbares Spektrum zu reduzieren. Das eigentliche Ziel ist die Reduktion des Denkens. Das sogenannte »Neusprech« enthält weniger Wörter, keine Adjektive, die das Gegenteil eines anderen bezeichnen, keine Steigerungsformen. Stattdessen werden Vorsilben wie mathematische Operatoren gebraucht, also »ungut« anstatt »schlecht«, »plusgut« anstatt »besser«. Wörter werden umgedeutet, manchmal bis in ihr Gegenteil. Ein Beispiel ist das Ministerium für Wahrheit selbst, das in Wahrheit eine Lügenfabrik ist.</p>
<p>In der Romanabteilung arbeiten Parteimitglieder daran, Groschenhefte, oft pornografischen Inhalts, herzustellen, mit denen die Proles ruhig gestellt werden. Verfassen wäre für diese Tätigkeit das falsche Wort — es handelt sich eher um einen technischen Prozess. Industrielle Textproduktion sozusagen.</p>
<p><strong><a name="anker4">Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Gegenwart</a><br />
</strong></p>
<p>Die Doktrin von der »Veränderbarkeit der Vergangenheit« ist eine tragende Säule der Ideologie Ozeaniens. Wenn aber die Vergangenheit jederzeit änderbar ist, dann hört sie auf, als reale Geschichte zu existieren. Die Rebellion des Parteimitglieds Winstons Smith beginnt mit dem Gedanken, dass es unter den vielen Schichten der Fälschung eben doch eine wahre Version der Vergangenheit gibt. Er ringt um seine eigenen Erinnerungen und beginnt, ein Tagebuch zu schreiben. Winston beginnt die Partei zu hassen. Er ist überzeugt von der Existenz der Bruderschaft, einer gegen die Partei gerichteten Untergrundorganisation. Eines Tages tauscht er während des Zweiminutenhasses einen langen Blick mit O’Brien, einem Mitglied der inneren Partei. Dies verstößt so sehr gegen die Regeln, dass Winston sicher ist, ein Mitglied der geheimen Opposition vor sich zu haben. Er steigert sich so in diesen Gedanken hinein, dass er seine Tagebuchnotizen an O&#8217;Brien richtet und ihm eines Nachts im Traum begegnet. In diesem Traum sagt O&#8217;Brien zu ihm einen Satz, den er als Bestätigung seiner Vermutung interpretiert:</p>
<blockquote><p><em>Wir werden uns an dem Ort treffen, wo keine Dunkelheit herrscht.</em></p></blockquote>
<p>Immer stärker zieht es Winston in die Viertel der Proles, wo am ehesten noch Spuren der Vergangenheit erkennbar sind. Sein Tagebuch kauft er in einem kleinen Kramladen, zu dem es ihn instinktiv zurückzieht. Bei seinem zweiten Besuch zeigt ihm Mr. Charrington, der Ladenbesitzer, ein altmodisches Zimmer, dass er früher mit seiner Frau bewohnt hat und das eine große Faszination auf Winston ausübt.</p>
<p><strong><a name="anker5">Liebe ist Widerstand</a></strong></p>
<p>Mit Winstons innerem Widerstand wächst auch seine Paranoia — ein falscher Blick, ein falsches Wort, ein kurzes Zögern könnte tödlich sein. Schon fürchtet Winston, dass Julia, eine junge Kollegin aus der Romanabteilung einen Verdacht gegen ihn hegt. Julia ist eine besonders stramme Parteigenossin, engagiert in der Junioren-Gegen-Sex-Liga und die eifrigste beim Zweiminutenhass. Doch dann ist alles ganz anders. Julia steckt Winston heimlich einen Zettel zu, auf dem steht: <em>Ich liebe dich</em>.</p>
<p>Winston fühlt sich mit seinen 39 Jahren alt und vollkommen desillusioniert. Er ist verheiratet, hat aber zu seiner Frau seit langem keinen Kontakt mehr. In seiner Ehe, als es noch eine war, gab es keine Erotik, was ganz den Vorstellungen der Partei entsprach. Sex hat demnach einzig den Zweck, Nachwuchs für das System heranzuschaffen. Für Winstons Frau wäre Sinnlichkeit ein Verbrechen gewesen, hätte sie gewusst, dass es so etwas gibt. Schlimmer noch: überhaupt einen eigenen Gedanken zu haben, ist nicht mit ihrer absoluten Ergebenheit gegenüber der Partei vereinbar.</p>
<p>Die Offerte der jungen, tatkräftigen Julia lässt Winston nicht einen Moment zweifeln. Er hat keine Angst, in eine Falle zu tappen. Seine einzige Angst ist, sie könnte es sich anders überlegen, denn ein Treffen einzufädeln ist angesichts der permanten Überwachung nicht ganz einfach. Es wäre absolut tödlich für beide, würde die Partei von ihrer Beziehung erfahren. Julia arrangiert ein heimliches Treffen auf dem Land — sie scheint in solchen Dingen erfahren zu sein. Der erste Sex ist mehr ein Anschlag gegen die Partei, als ein Liebesakt.</p>
<p>Doch zwischen beiden wächst eine Beziehung, in der die gegenseitige Liebe nicht von der beiderseitigen Ablehnung der Partei zu trennen ist. Nach einem zweiten Treffen an einem konspirativen Ort entschließt sich Winston, das Zimmer im Haus von Mr. Charringteon als »Liebesnest« zu mieten. Die Stunden in diesem Zimmer verbringen Julia und Winston wie ein normales Liebespaar unter normalen Umständen. Sie lieben sich, trinken Kaffee (den es nur auf dem Schwarzmarkt gibt) und reden, reden, reden. Sehr oft natürlich über die Partei und ihre Ablehnung des Lügenstaates. Während Winstons Rebellion das Ergebnis einer Entwicklung und eines Denkprozesses ist, kommt Julias Hass aus dem Bauch. Sie ist sich ihrer Haltung so sicher, dass sie kein Problem damit hat, nach außen die eifrige Parteigenossin zu spielen. Im Unterschied zu Winston glaubt die 13 Jahre jüngere Julia nicht an die Möglichkeit, dass System auch nur im geringsten angreifen zu können. Ihr Ausweg besteht darin, sich durch geschickte Tarnung Freiräume zu schaffen. Winston erzählt Julia von O&#8217;Brien und der von ihm vermuteten Untergrundorganisation. Schließlich fasst er den Mut, sich O&#8217;Brien zu offenbaren. Gemeinsam mit Julia sucht er ihn auf, um ihrer beider Bereitschaft zum Widerstand zu erklären.</p>
<p><strong>Freiheit ist Sklaverei</strong></p>
<p>Der Mann, auf den Winston all seine Hoffnung gesetzt hatte, ist ein Spion der Gedankenpolizei. Während eines Treffens in ihrem Liebesnest werden Julia und Winston verhaftet und ins »Ministerium für Liebe« gebracht. Auch Mr. Charrington, der Ladenbesitzer, ist ein Verräter und Mitglied der Gedankenpolizei. Über einen Teleschirm, der hinter einem Bild versteckt war, hat er das Paar bei all seinen Treffen beobachtet. Winston wird gefoltert, und er hat allen Grund zu der Annahme, dass Julia das gleiche geschieht. Unter der Folter gesteht er alles, was seine Peiniger hören wollen. Doch Geständnisse, selbst von nicht begangenen Verbrechen, sind der Partei nicht genug. O&#8217;Brien, der nach den ersten, routinemäßigen Folterungen die zweite Phase der »Verhöre« übernimmt, will seine Opfer »umerziehen«. Was nichts anderes heißt als Gehirnwäsche. Die Umerziehung ist in O&#8217;Briens Augen erst dann erfolgreich, wann er sein Opfer gezwungen hat, die Partei von ehrlichem Herzen zu lieben. Im Falle von Winston ist es die Liebe zu Julia, die nach langen Folterungen noch immer zwischen ihm und der Partei steht. Deshalb wird Winston schließlich ins berüchtigte Zimmer 101 gebracht, in dem jeder Delinquent seine persönliche Hölle erlebt. Winston hat panische Angst vor Ratten, ein Detail, dessen Kenntnis die Partei ihrem Spitzel Charrington verdankt. In Zimmer 101 wird er damit bedroht, dass ihm hungrige Ratten bei lebendigen Leib das Gesicht wegfressen würden. Als Winston darum fleht, seine Folterer mögen dies nicht ihm sondern Julia antun, hat die Partei ihr Ziel erreicht.</p>
<p>Winston wird irgendwann frei gelassen. Als gebrochener Mann, nur noch an Gin interessiert, begegnet er eines Tages Julia. Auch sie wirkt gebrochen, geradezu plump im Vergleich zu früher. Sie gesteht Winston, dass sie ihn in Zimmer 101 verraten hat. Ansonsten ist nichts mehr da, was sie sich zu sagen hätten.</p>
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