<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Website der Habenichtse &#187; Traum</title>
	<atom:link href="http://www.habenichtse.de/tag/traum/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.habenichtse.de</link>
	<description>Fantastische Literatur &#38; Science Fiction</description>
	<lastBuildDate>Thu, 09 Sep 2010 07:58:22 +0000</lastBuildDate>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.0.1</generator>
		<item>
		<title>Inception</title>
		<link>http://www.habenichtse.de/film/inception/</link>
		<comments>http://www.habenichtse.de/film/inception/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 14 Aug 2010 21:21:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Traum]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.habenichtse.de/?p=664</guid>
		<description><![CDATA[<p>Regie: Christopher Nolan
Start: 2010
Darsteller: Leonardo DiCaprio, Marion Cotillard, Ken Watanabe, Ellen Page, Joseph Gordon-Levitt, Tom Hardy, Dileep Rao, Cillian Murphy</p>
Die Idee
<p>Inception bedeutet so viel Beginn. Nolans Film versucht, sich der Frage zu nähern, wie Träume in unsere Köpfe hineinkommen, wie und wo sie ihren Anfang nehmen. Ist es möglich, auf Träume Einfluss zu nehmen, auf <a href="http://www.habenichtse.de/film/inception/"> lesen ...</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Regie: Christopher Nolan<br />
Start: 2010<br />
Darsteller: Leonardo DiCaprio, Marion Cotillard, Ken Watanabe, Ellen Page, Joseph Gordon-Levitt, Tom Hardy, Dileep Rao, Cillian Murphy</p>
<h3>Die Idee</h3>
<p>Inception bedeutet so viel Beginn. Nolans Film versucht, sich der Frage zu nähern, wie Träume in unsere Köpfe hineinkommen, wie und wo sie ihren Anfang nehmen. Ist es möglich, auf Träume Einfluss zu nehmen, auf die eigenen oder gar die von anderen? Wenn ja, wäre es dann nicht auch möglich, jemandem einen Traum als Keim in seinem Kopf einzupflanzen, also quasi einen Traum zu erschaffen? Träume sprechen in Bildern, die oftmals Zitate sind. Aber <em>woraus</em> zitieren sie? Manchmal aus der Realität, manchmal aus anderen Träumen. Oder aus den Träumen anderer, dem kollektiven Unbewussten? Nolan geht noch einen Schritt weiter und lässt seine Figuren kollektiv träumen, um eine bestimmte Mission zu erfüllen. Das ist natürlich Science-Fiction.</p>
<p><object classid="clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000" width="350" height="221" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=6,0,40,0"><param name="allowFullScreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><param name="src" value="http://www.youtube.com/v/JEv8W3pWqH0?fs=1&amp;hl=de_DE&amp;color1=0x2b405b&amp;color2=0x6b8ab6" /><param name="allowfullscreen" value="true" /><embed type="application/x-shockwave-flash" width="350" height="221" src="http://www.youtube.com/v/JEv8W3pWqH0?fs=1&amp;hl=de_DE&amp;color1=0x2b405b&amp;color2=0x6b8ab6" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true"></embed></object></p>
<p>Inception ist aber nicht nur ein Film über das Träumen. Wie Träume sprechen auch Filme in Bildern, die oftmals Zitate sind. Manchmal setzt der Regisseur diese Zitate bewusst ein, machmal zitiert er unbewusst, gewissermaßen aus dem kollektiven kulturellen Gedächtnis. Wenn aber alles schon irgendwie da ist, nur ständig neu zusammengesetzt wird, kann es dann so etwas wie Originalität oder einen kreativen Schöpfungsakt überhaupt geben? Wenn ich es richtig sehe, gibt Nolan hierauf eine Antwort, die dem Paradigma der Schwarmintelligenz widerspricht. Abgrenzung statt totale Vernetzung ist demnach die Voraussetzung, damit aus Träumen eigene Gedanken werden und aus diesen &#8212; vielleicht, manchmal  &#8212; etwas ganz Neues entsteht. Oder weniger hart: zumindest sollte man aufpassen, mit wem man seine Träume teilt.</p>
<h3>Die Story</h3>
<p>Dominic Cobb verdient sein Geld als Traumspion. Zusammen mit einem kleinen Team konstruiert er einen kollektiven Traum, an dem auch das Opfer teilnimmt. Im kollektiven Traum kann er geheimste Gedanken aus dem Gehirn des Opfers extrahieren; andere Teammitglieder sind für die richtige Traumkulisse, das rechtzeitige Aufwachen usw. verantwortlich. Man nennt diese Technik »Extraktion« und sie hat sich so sehr zu einer üblichen Variante der Wirtschaftsspionage entwickelt, dass die potenziellen Opfer ebenso routinemäßig Trainingsprogramme absolvieren, in denen sie lernen, sich gegen Angriffe von Traumspionen zu schützen. Natürlich sind die Trainer im Prinzip die gleichen Leute wie die Spione; es kommt nur darauf an, wer den Job bezahlt.</p>
<p>Cobb ist ein sehr guter Traumspion, doch er hat ein Problem. Früher hat er zusammen mit seiner Frau Mal die wunderbarsten Traumwelten erschaffen. Sie war eine Traumarchitektin, wahrscheinlich die Beste. Das gemeinsame, kreative Träumen hat das Paar so zusammengeschmiedet, dass sie eigentlich niemand anderes mehr brauchten. Irgendwann hatte sich Mal so in dieser Welt verloren, dass sie ihren Traum für die Realität und die Realität für einen Traum hielt. Selbst ihre beiden leibhaftigen Kinder hielt sie für »Projektionen« der selben. Als Traumexpertin wusste sie, was sie tun muss, um aus einem Traum aufzuwachen: sterben, zum Beispiel fallen. Keinesfalls möchte sie ohne ihren Mann in die vermeintliche Realität zurückkehren (sterben), weshalb sie ihr Aufwachen (ihren Selbstmord) so organisiert, dass er im Falle einer Weigerung als ihr Mörder erscheinen wird. Cobb ist sich jedoch in seiner Unterscheidung zwischen Traum und Realität so sicher, dass er sich, schon der Kinder wegen, nicht erpressen lässt. Hilflos muss er ansehen, wie sich Mal vor seinen Augen aus dem Hotelfenster stürzt.</p>
<p>Seitdem ist Dom Cobb mehrfach gehandicapt. Er trauert um die Frau, die seine Geliebte, seine Traumgefährtin und die Mutter seiner Kinder war. Er gibt sich die Schuld an ihrem Tod, denn er selbst war es, der sie auf die Idee gebracht hat, Traum und Realität zu spiegeln. Er kann nicht mehr nach Hause zu seinen Kindern, weil er in den USA wegen Mordes an seiner Frau gesucht wird. Er muss sich in seinem Job, also in seinen Träumen, vorsehen, weil dort überall Mal auftaucht, die ihn in ihre Welt ziehen möchte, aus der er nie mehr in die echte zurückkehren könnte. Marion Cotillard spielt ihre Rolle wunderbar; mit großen, feuchten Augen versucht sie wie eine Nixe ihren Geliebten in die Tiefe zu ziehen (nicht des Wassers, sondern der allertiefsten Traumschichten, aus denen niemand mehr auftaucht), und DiCaprio ist genau der Richtige, der solcher Verlockung nur gerade eben so widerstehen kann. Sinnigerweise taucht er denn auch, als Mal ihr Ziel fast erreicht hätte, mit letzter Kraft aus dem Meer wieder auf.</p>
<p>Mal kennt Doms Träume so gut, dass er die für den jeweiligen Einsatz nötige Traumarchitektur nicht mehr selbst entwirft, sondern einem anderen diesen Part überlässt. In dieser Phase tritt der japanische Unternehmer Saito mit einem ganz besonderen Auftrag an ihn heran: er wünscht keinen Traumdiebstahl (Extraktion), sondern eine »Inception«, das Einpflanzen eines Traums in das Gehirn eines Konkurrenten. Der Lohn für diese Arbeit wäre für Cobb die Rettung: Saito hat so viel Einfluss, dass er die Aufhebung der Mordanklage veranlassen kann. Cobb wäre ein freier Mann und könnte nach Hause zu seinen Kindern. Er heuert ein Team an, darunter als talentierten Neuling die angehende Traumarchitektin Ariadne, die die verwinkeltsten Traumlabyrinthe kreiert, dabei aber immer hübsch den Faden in der Hand behält, um wieder herauszufinden.</p>
<p>Robert Fisher, Zielperson der Inception, ist Erbe eines Mega-Unternehmens, und sein Vater liegt im Sterben. Der alte Fisher hat ein Firmen-Imperium aufgebaut, dass durch seine Dominanz den freien Handel bedroht. Das ist schlecht für die Menschheit, vor allem aber für kleinere Unternehmen wie das von Saito. Das beste wäre also, Fisher junior würde das Imperium nach dem Tod seines Vaters auflösen, und genau diese Idee soll Cobbs Team in sein Hirn einpflanzen. Wie sie das tun, ist bizarr wie ein Traum &#8212; denn es gechieht ja in einem Traum. Der Einsatz und damit der Traum findet statt auf einem Langstreckenflug mit Robert Fisher, unmittelbar nach dem Tod des alten Fisher. Logische Brüche, falsche Kulissen, der Eindruck, mitunter im falschen Film zu sein, das alles dürfte der Regisseur beabsichtigt haben. Während der Träumer oft noch die absurdesten Traumbilder hinnimmt und nicht erkennt, dass er nur träumt, wird der Zuschauer durch das Erkennen solcher Unstimmigkeiten in <em>seine</em> Realität zurückgeholt: das da vorn auf der Leinwand ist ja nur ein Film! Dieser Film erzählt genau so wenig eine wahre Geschichte wie jeder andere, er gibt es nur nicht einmal vor. Cineasten werden ihre Freude daran haben, die unzähligen Bilder und Zitate zu erkennen, aus denen Nolan seine Traum/Film-Collage zusammengesetzt hat. Der Versuch, aus den Bildern eine Handlung zu rekonstruieren, wäre dagegen ziemlich unvernünftig &#8212; schließlich verliert irgendwann sogar Ariadne den Faden und stellt die wunderbare Frage: »Moment mal, in wessen Traum sind wir jetzt eigentlich gerade?« Falls Nolan hier ein Witz über seinen eigenen Film gemacht hat, dann war der wirklich gut.</p>
<h3>It was just a dream, but it matters</h3>
<p>Zum Schluss noch die Auflösung, welcher Gedanke während des kollektiven Traums in Robert Fishers Kopf gepflanzt (oder sollte man sagen: freigelegt?) wurde, um seine Haltung zur Firma zu ändern: Robert hatte nie ein nahes Verhältnis zu seinem Vater. Er ist überzeugt davon, dass sein Vater von ihm enttäuscht ist und ihm die Firmenleitung nicht zutraut. (In Wirklichkeit &#8212; im Traum &#8212; ist es ganz anders: enttäuscht ist der Vater nicht, weil Robert nicht so ist wie er, sondern weil er es <em>versucht, </em>anstatt seinen eigenen Traum zu leben.) In einem hilflosen Versuch, in den Stunden des Abschieds so etwas wie Nähe herzustellen, stellt Robert ein Foto am Sterbebett auf, das ihn als kleinen Jungen mit dem Vater zeigt. In der Hand hält der Junge ein selbstgebasteltes Windrad. Enttäuscht sagt Robert (im Traum), der Vater hätte das Bild nicht einmal angesehen. Doch als der Vater seinen letzten Atemzug tut, findet Robert im Tresor neben dem Testament dieses Windrad. Was für ein Bild, im Traum in einem Film über das Träumen.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.habenichtse.de/film/inception/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die andere Seite</title>
		<link>http://www.habenichtse.de/moderne-phantastik/die-andere-seite/</link>
		<comments>http://www.habenichtse.de/moderne-phantastik/die-andere-seite/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 29 Jul 2010 13:32:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Moderne Phantastik]]></category>
		<category><![CDATA[Apokalypse]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Traum]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.habenichtse.de/?p=323</guid>
		<description><![CDATA[<strong>Alfred Kubin</strong> ♦ Der Ich-Erzähler beginnt ein neues Leben in der Stadt Perle, einem fernen Utopia irgendwo in den Bergen des  Ostens. Binnen weniger Jahre verkehrt sich Hoffnung in Schrecken. <a href="http://www.habenichtse.de/moderne-phantastik/die-andere-seite/"> lesen ...</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>fantastischer Roman von Alfred Kubin<br />
Erstveröffentlichung 1909</p>
<p>Die andere Seite ist der einzige Roman des österreichischen Grafikers und Illustrators Alfred Kubin (*10. April 1877, † 20. August 1959). Er steht in der Tradition von <a href="http://www.habenichtse.de/biografie/e-t-a-hoffmann/" target="_self">E.T.A. Hoffmann</a> und <a href="http://www.habenichtse.de/biografie/edgar-allan-poe/" target="_self">Edgar Allan Poe</a>, deren Werke Kubin illustrierte.<br />
Der Ich-Erzähler berichtet von seinen Erlebnissen in der fiktiven Traumstadt Perle, die ihm anfangs als fernes Utopia anlockte und in den etwa drei Jahren der Handlung in einem apokalyptischen Szenario untergeht. 2009 &#8212; hundert Jahre nach der Erstveröffentlichung &#8212; erschien in der Bibliothek Suhrkamp eine Ausgabe mit den Originalillustrationen Kubins.</p>
<p><strong>Inhalt</strong></p>
<p>Der Erzähler &#8212; Zeichner und Illustrator wie Kubin selbst &#8212; lebt in kleinen Verhältnissen, aber glücklich verheiratet und beruflich aufstrebend in München. Eines Tages erscheint bei ihm ein unangemeldeter Besucher, der ihm Grüße von seinem fast vergessenen Schulkameraden Claus Patera ausrichtet. Ohne Umschweife kommt der Fremde auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen: Patera ist durch nicht näher benannte Umstände zu unerhörtem Reichtum gekommen, hat mit diesem irgendwo in Zentralasien ein strikt abgeschottetes Reich errichtet und lässt dieses durch Personen seiner Wahl besiedeln. Eine entsprechende Einladung ergeht nun an den Erzähler:</p>
<blockquote><p><em>Claus Patera, absoluter Herr des Traumreichs, beauftragt mich als Agenten, Ihnen die Einladung zur Übersiedlung in sein Land zu überreichen.</em></p></blockquote>
<p>Was der Fremde über Pateras Traumreich berichtet, ist eigentlich absolut unglaubwürdig. Ein in der übrigen Welt unbekannter Staat im Inneren Asiens, vollständig umgeben von einer dicken Mauer mit einem einzigen, streng überwachten Tor? Unerschöpfliche finanzielle Mittel, mit denen Patera (»der Herr«) in ganz Europa komplette Häuser kaufen, abtragen und in seinem Reich wieder aufbauen lässt? Und von all dem soll bisher niemand etwas bemerkt haben, ebensowenig vom Verschwinden der Übersiedler ins Traumreich? Zwar hat der Erzähler anfangs starke Zweifel, hält den Fremden gar für einen Verrückten, doch macht seine Skepsis freudiger Erregung Platz, als der ihm als »Legitimation« ein Porträt Pateras vorzeigt. Logisch ist das alles nicht. Vielmehr erinnert es an die irrationale Rationalität mancher Träume, in denen der Träumer die unglaublichsten Geschehnisse akzeptiert, ohne aus seinem Traum herauszufallen. (»Eigentlich hätte ich doch an dieser Stelle merken müssen, dass ich träume.«) Die in dieser Anfangsszene noch vorsichtig angedeutete Verflechtung von Traum und Realität durchzieht den gesamten Roman. Allerdings weichen die anfangs hoffnungsvoll-fantastischen Träumereien später Halluzinationen und Wahnvorstellungen, die im apokalyptischen Untergang des Traumreiches gipfeln.</p>
<p>Der Erzähler nimmt nach anfänglichem Zögern die Einladung an und reist mit seiner Frau im Orientexpress Richtung Osten, entlang der altbekannten Route: München &#8212; Constanza &#8212; Batumi &#8212; Baku &#8212; Samarkand. Dort bekommen die beiden eine Vorahnung von den weniger schönen Seiten des Traumreichs und sind entsprechend verstört. Der Erzähler muss seinen Fotoapparat zurücklassen, denn alles »Fortschrittliche« ist Patera zutiefst verhasst. Kleidung nach neuester Mode muss umgearbeitet oder durch Altmodisches ersetzt werden. Alle Habseligkeiten, selbst Bücher und Leibwäsche, werden genauestens inspiziert. Trotz ihres Unbehagens setzen die beiden ihre Reise auf einem Kamelkarren fort und gelangen schließlich nach Einbruch der Dunkelheit an das Tor des Traumreichs. Die hohe Grenzmauer zeichnet sich Unheil verkündend vor dem Nachthimmel ab, und die Frau flüstert im Halbschlaf prophetisch:</p>
<blockquote><p><em>Nie mehr komme ich da heraus.</em></p></blockquote>
<p>Weiter geht es mit dem Zug, der nicht gerade auf dem neuesten Stand der Technik ist, nach Perle, der Hauptstadt des Traumreiches. Der erste Anblick ist enttäuschend &#8212; es wirkt alles irgendwie schäbig, abgelebt und wie mit einer dicken Decke aus Melancholie zugedeckt. Nun gut, macht sich das Paar Mut, man ist um Mitternacht angekommen, da ist wohl nicht allzuviel Leben zu erwarten. Aber ein erster Spaziergang am nächsten Morgen kann den beiden das ungute Gefühl nicht nehmen.</p>
<blockquote><p><em>Es war ein trüber Tag.</em></p></blockquote>
<p>So wie jeder folgende Tag auch. In Perle scheint niemals die Sonne. Bestenfalls lassen Lichtstreifen auf der immer vorhandenen Wolkendecke ihren Stand erahnen, und nicht selten ist die Stadt in dichten Nebel gehüllt. Das Fehlen der Sonne nimmt auch der Natur ihre Farben; statt saftiger Wiesen und goldener Felder dominieren trübes Grün und tristes Braun. Reizlos ist auch das Klima, das keine heißen Sommer und keine frostig-klaren Winter kennt. Das Schwermütige der Stadt Perle wird gesteigert durch den träge und breit an ihrem Südrand dahinfließenden Fluss Negro, dessen Wasser eine »auffallend dunkle, fast tintige Färbung« hat. Der Stadt selbst ist trotz ihrer Schäbigkeit eine eigentümliche Harmonie nicht abzusprechen. Die in ganz Europa zusammengekauften Gebäude fügen sich, von Patera mit sicherem Instinkt ausgewählt, zu einem Ganzen. Alles folgt <em>einer</em> (nämlich seiner) Idee, nichts ist Zufall, nichts in Spontanität entstanden. So wundert es auch nicht, dass der Erzähler und seine Frau zuweilen das Gefühl haben, ein Gebäude bereits früher an einem anderen Ort schon einmal gesehen zu haben. Auch dieses Prinzip wird dem Leser/Träumer aus seinen eigenen Träumen vertraut sein.</p>
<p>Trotz des unterschwelligen Unbehagens beginnt sich das Paar in Perle einzuleben. Sie beziehen eine hübsche Wohnung zu mäßigem Preis, der Erzähler findet ohne eignes Zutun eine Stelle als Zeichner beim »Traumspiegel«, der wichtigsten (wie sich bald herausstellt: einzigen) Illustrierten von Perle. Schnell gewöhnt man sich an harmlose wie auch an bedenkliche Merkwürdigkeiten. Man kleidet sich wie früher die eigenen Großeltern, und man verlernt den gewohnten Umgang mit Geld. Denn die Wirtschaft des Traumreichs gehorcht nicht den bekannten, halbwegs rationalen Gesetzen, weshalb Tugenden wie Sparsamkeit und Vorausschau nichts nützen. Die Bewohner des Traumreichs sind Marionetten:</p>
<blockquote><p><em>Aber ging auch alles noch so sehr drunter und drüber, man fühlte eine starke Hand. Hinter den scheinbar unbegreiflichsten Zuständen witterte man ihre verborgene Kraft. Sie war die geheimnisvolle Ursache, daß sich dabei alles halten konnte und nicht ins Bodenlose stürzte.</em></p></blockquote>
<p>Ihn, Patera, kommt der Erzähler nicht zu Gesicht, und das, obwohl er als ehemaliger Schulkamerad in persönlicher Beziehung zu ihm steht. Um eine Audienz bei Patera, ihrem Herrn, zu bekommen, müssen sich seine Untertanen durch eine Bürokratie kämpfen, die nur mit einem Adjektiv zu beschreiben ist, das es zur Entstehungszeit des Romans noch nicht gab: kafkaesk. (Tatsächlich übte Kubins Roman auf Kafka einigen Einfluss aus.) Dass es Patera tatsächlich gibt, obwohl er für seine Untertanen unsichtbar bleibt, lässt sich genau genommen nur aus den allgemeinen Verfallserscheinungen schließen, die sich als Symptome von Pateras Machtverlust überall bemerkbar machen.</p>
<p>Der Sturz ins Bodenlose beginnt für den Erzähler mit dem Tod seiner geliebten Frau, deren Gesundheitszustand sich seit der Übersiedlung ins Traumreich zunehmend verschlechtert hatte. Er hat eine kurze, lieblose Affäre mit Melitta, der schönen, jungen Frau eines Arztes, die scheinbar für jeden zu haben ist. Er betrinkt sich, verfällt ins Arbeitsdelirium und erkennt in einem lichten Moment, dass er weder zum Selbstmord noch zum Leben fähig ist. Und dann bringt die »Stimme«, eine der beiden Tageszeitungen von Perle, eine unerhörte Meldung:</p>
<blockquote><p><em>Heute ist der Amerikaner angekommen.</em></p></blockquote>
<p>Der Amerikaner heißt Herkules Bell und besitzt angeblich sehr viel Geld. Darin gleicht er Patera, doch ansonsten verkörpert er das gegenteilige Prinzip: Fortschritt gegen Bewahrung des Alten, Rationalität gegen Träumerei, Freiheit gegen Gleichschaltung, ungehobeltes Aufreten gegen Feinsinnigkeit. Und er ist, ganz im Gegensatz zu dem unsichtbaren Patera, extrem präsent. Er wiegelt die Träumer gegen ihren Herrn auf und kann tatsächlich &#8212; auch durch den Einsatz von Geld &#8212; nicht wenige Gefolgsleute um sich scharen. Die Zustände im Traumstaat werden immer chaotischer. Latent vorhandene Geisteskrankheiten werden zu Massenerscheinungen. Es kommt zu immer mehr Selbstmorden. Prügeleien und Messerstechereien sind an der Tagesordnung.</p>
<p>Schließlich beschreibt Kubin in einem knapp 90 Seiten langen Kapitel mit dem Titel »Hölle« (ca. ein Drittel des Romans!) die vollständige Zerstörung der Traumstadt Perle. Gebäude verfallen in rasendem Tempo. Was einstürzt bleibt liegen, man sucht sich einen Unterschlupf, wo es eben gerade noch möglich ist. Wilde Tiere zeigen sich bar jeder Scheu in der Stadt und sind schon bald die eigentlichen Herrscher. Die Menschen betäuben sich in Ausschweifungen jeglicher Art, die schon zuvor lockeren Sitten steigern sich zum vollkommenen Sittenverfall und dem Verlust aller zivilisatorischer Gepflogenheiten. So etwas wie Empathie scheint es nicht (mehr?) zu geben: jeder erlebt die Hölle, aber jeder erlebt sie für sich allein. Da endlich, inmitten der Apokalypse, zeigt sich Patera dem Erzähler doch:</p>
<blockquote><p>.<em>.. und ich faßte meine letzte Kraft zusammen in die Frage: »Patera, warum läßt du das alles geschehen?« &#8212; Es kam lange keine Antwort. &#8212; Auf einmal rief er mit metallisch tönender Baßstimme: »Ich bin müde!«</em></p></blockquote>
<p>Und schließlich doch noch das Versprechen der Erlösung:</p>
<blockquote><p><em>Wie aus Urzeiten kam diese Frage her, vor Billionen von Jahren mußten diese Worte gesprochen worden sein, und jetzt erst brachte ich sie hervor, heute hörte man sie hier:<br />
»Patera, warum hast du nicht geholfen?«<br />
Und langsam, leblos senkten sich seine Lider, wobei mir wieder leichter wurde.<br />
In sein Antlitz trat nun unsägliche Milde, ein über die Maßen weicher, trauriger Zug bezauberte mich. Und wieder flüsterte es klar:<br />
»Ich habe geholfen, ich werde auch dir helfen!«</em></p></blockquote>
<p>Am Ende wird der Erzähler Augenzeuge des Todes von Patera, in dem er sich auf bizarre Weise mit seinem Widerpart, dem Amerikaner vereint. Dass beide wieder auferstehen, wird angedeutet, im Falle des des Amerikaners ist es gewiss:</p>
<blockquote><p><em>Der Amerikaner lebt heute noch, und ihn kennt alle Welt.</em></p></blockquote>
<p><strong>Interpretationsansätze</strong></p>
<p>Oft wurde über »Die andere Seite« geschrieben, der 1909 erschienene Roman habe die Greuel des 20. Jahrhunderts vorweggenommen. Sicher ist eine solche Interpretation angesichts des tatsächlichen Gangs der Geschichte möglich. Aber ganz so einfach ist es wohl nicht. Nicht nur, weil die Geschichte der menschlichen Greuelltaten so alt ist wie die Geschichte der Menschheit selbst. Nicht nur, weil man die Bedeutung eines Romans <em>nie</em> am Grad des Eintretens der in ihm enthaltenen Prophezeiungen messen sollte. Sondern vor allem deshalb, weil die von Kubin geschilderte Hölle wohl in erster Linie die »innere Hölle« des Einzelnen &#8212; in diesem Fall des Erzählers / Zeichners / Alter Egos &#8212; ist.</p>
<p>Kubin schreibt in einer fast naiv anmutenden Sprache, wenn es um die Schilderung des Alltagslebens seines Erzähler geht. Die eigentliche Geschichte, nämlich die des Zerfalls, des Untergangs und der Verzweiflung, erzählt er in so kraftvoller, bildhafter und symbolgeladener Sprache, dass man sich unweigerlich fragt: Wo kommt das alles her? Traumatische Kindheitserlebnisse und ein zumindest schwieriges Verhältnis zu seinem Vater lassen jedenfalls die Interpretation zu, dass sich hier ein junger Mann frei geschrieben hat, um seinen eigentlichen Weg &#8212; als bildender Künstler &#8212; gehen zu können. Auch in seinen Zeichnungen thematisiert er das Seelische, versucht auch, Traumbilder in seinen Werken festzuhalten. Mehr über das Leben und Werk von Alfred Kubin erfahren Sie zum Beispiel auf <a href="http://www.alfredkubin.at/" target="_blank">www.alfredkubin.at</a> (denn das hier ist eine Seite über fantastische Literatur).</p>
<p>Statt einer Interpretation seien hier die letzten Sätze des Romans »Die andere Seite« wiedergegeben, in denen der Erzähler das Erlebte reflektiert:</p>
<blockquote><p><em>Als ich mich dann wieder ins Leben wagte, entdeckte ich, daß mein Gott nur eine Halbherrschaft hatte. Im Größsten und im Geringsten teilte er mit einem Widersacher, der Leben wollte. Die abstoßenden und anziehenden Kräfte, die Pole der Erde mit ihren Strömungen, die Wechsel der Jahreszeiten, Tag und Nacht, schwarz und weiß &#8212; das sind Kämpfe.<br />
Die wirkliche Hölle liegt darin, daß sich dies widersprechende Doppelspiel in uns fortsetzt. Die Liebe selbst hat einen Schwerpunkt »zwischen Kloaken und Latrinen«. Erhabene Situationen können der Lächerlichkeit, dem Hohne, der Ironie verfallen.</em></p></blockquote>
<p><em>Der Demiurg ist ein Zwitter.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.habenichtse.de/moderne-phantastik/die-andere-seite/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Der Golem</title>
		<link>http://www.habenichtse.de/moderne-phantastik/der-golem/</link>
		<comments>http://www.habenichtse.de/moderne-phantastik/der-golem/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 27 Jul 2010 10:13:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Moderne Phantastik]]></category>
		<category><![CDATA[Traum]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.habenichtse.de/?p=508</guid>
		<description><![CDATA[<strong>Gustav Meyrink</strong> ♦ Der Erzähler fällt in seinem Hotelzimmer in einen unruhigen Halbschlaf, in dem die Grenze zwischen Traum und Realität nicht mehr auszumachen ist. Seine Identität verschmilzt mit Traum- oder Fantasiebildern. <a href="http://www.habenichtse.de/moderne-phantastik/der-golem/"> lesen ...</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Roman von <a href="http://www.habenichtse.de/science-fiction-autoren/gustav-meyrink/" target="_self">Gustav Meyrink</a><br />
Erstveröffentlichung 1913/14 als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift<em><br />
Die weißen Blätter</em>Erstveröffentlichung in Buchform 1915</p>
<ul></ul>
<h3>Hintergrund: Der Golem-Stoff</h3>
<p>Trotz des Titels und obwohl die Handlung in Prag spielt, bildet die Legende des Prager Golem lediglich das vage Fundament der Geschichte, mit dem der Leser einigermaßen vertraut sein sollte. Nach dieser Legende wurde der Prager Golem im 16. Jahrhundert von dem Rabbiner Judah Löw aus Lehm erschaffen. Der Golem hat eine menschenähnliche Gestalt und kann lediglich Befehle ausführen, aber nicht sprechen. Dem Wunsch des Rabbis nach sollte der Golem ihm ein Gehilfe sein (beispielsweise beim Ausfegen der Synagoge) und außerdem die Prager Juden vor den Anfeindungen aus der nichtjüdischen Bevölkerung schützen. Die Erschaffung eines Golem aus Lehm lässt an die Schöpfungsgeschichte denken; doch ebenso wie Adam zwar nach dem Bild seines Schöpfers geformt wurde, ohne ihm vergleichbar zu sein, reicht der vom Rabbi erschaffene Golem nicht an Gottes Schöpfung heran. Zur Legende vom Prager Golem gehört auch die Vorstellung, dass dieser die meiste Zeit reglos wie ein Gegenstand ist und vom Rabbi zum Leben erweckt wird, indem er ihm einen Zettel mit dem Namen Gottes unter die Zunge legt. In Meyrinks Version des Prager Golem geht dieser alle 33 Jahre für kurze Zeit im Judenghetto um.</p>
<h3>Inhalt</h3>
<p>Der Erzähler der (sehr kurzen) Rahmenhandlung ist zu Besuch in Prag und fällt in seinem Hotelzimmer in einen unruhigen Halbschlaf, in dem die Grenze zwischen Traum und Realität nicht mehr auszumachen ist. Auch seine Identität verschmilzt mit Traum- oder Fantasiebildern:</p>
<blockquote><p><em>Ich schlafe nicht und wache nicht, und im Halbtraum vermischt sich in meiner Seele Erlebtes mit Gelesenem und Gehörtem, wie Ströme von verschiedener Farbe und Klarheit zusammenfließen [..]<br />
Ich weiß nur, mein Körper liegt schlafend im Bett, und meine Sinne sind losgetrennt und nicht mehr an ihn gebunden. &#8211;<br />
Wer ist jetzt »ich« &#8230;</em></p></blockquote>
<p>»Ich« ist jetzt der Gemmenschneider Athanasius Pernath, der um 1890 in der labyrinthischen Enge des Judenviertels von Prag lebt. Dieser Athanasius Pernath ist die Hauptfigur der eigentlichen Handlung, und in »seinem« Prag finden sich durchaus reale Gegebenheiten des damaligen Prag wieder. Versetzt sind diese jedoch mit reichlich Magie, Mystik und Okkultismus, sodass zumal der heutige Leser seine Schwierigkeiten haben wird zu unterscheiden: was ist real, was Fantasie?</p>
<p>Pernath ist Junggeselle, zirka 40 Jahre alt und verdient seinen Lebensunterhalt vor allem durch das Ausbessern von Antiquitäten. Gemessen an den ärmlichen Verhältnissen seiner Umgebung hat er es zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht. Die Schäbigkeit und Enge des Ghettos berührt ihn unangenehm, wobei sein Wunsch nach Distanz eher einer buchstäblichen Berührungsangst als Arroganz geschuldet scheint. Personifiziert wird diese »körperliche« Seite des Ghettos durch den Trödler Aaron Wassertrum und Rosina, seine Tochter (oder Nichte? &#8212; auch das weiß man nicht so genau). In der Figur des Trödlers sind jede Menge antijüdischer Klischees versammelt: er ist hässlich, geizig, schlitzohrig, ganz im Gegensatz zu seiner zur Schau getragenen Armut vermutlich recht wohlhabend und vor allem: ein durch und durch unanständiger Mensch. Rosina ist ein Wesen von aufdringlicher Erotik, halb Kind, halb Frau, dem Jungesellen Pernath gar nicht geheuer und, wie sich später herausstellt, tatsächlich eine Hure (allerdings: was ist hier »tatsächlich«?). Meyrink wegen dieser Charaktere Antisemetismus zu unterstellen, wäre jedoch nicht nur deshalb falsch, weil jeder Text im Kontext seiner Zeit zu sehen ist. Im Kontrast zu Wassertrum und Rosina stehen der selbstlose jüdische Archivar Hillel (den Pernath verehrt und der ihm Freundschaft und geistigen Beistand gewährt) und dessen Tochter Mirjam (in die er sich verliebt). Diese beiden außerordentlich positiv gezeichneten  Figuren sind quasi die Vermittler zur »geistigen« Welt des Judenviertels, deren Symbol der Golem ist. Ob Pernath dem Golem tatsächlich begegnet ist, wird im Verlaufe der Geschichte nie wirklich offen- aber mehr als nahegelegt.</p>
<p>Jedenfalls taucht in Pernaths Werkstatt ein mysteriöser Besucher auf, der ihm ein ebenso mysteriöses Buch zum Restaurieren übergibt. Ehe Pernath weiß, wie ihm geschieht, ist er in ein Geflecht aus Leidenschaft, Intrigen und Verbrechen verstrickt und wird zu seinem Entsetzen des Mordes bezichtigt und in Untersuchungshaft gesteckt. Mitwirkende in dieser aberwitzigen Geschichte sind u.a.</p>
<ul>
<li>ein unehelicher, von Rachsucht erfüllter Sohn des Trödlers Wassertrum</li>
<li>ein angesehener Arzt, der den einzig geliebten Sohn des Trödlers der Hochstapelei überführt und zum Selbstmord getrieben hat</li>
<li>eine Gräfin, die ihren Gatten mit eben diesem Arzt betrügt, von Wassertrum deswegen erpresst wird, und zu der der Gemmenschneider Pernath in seiner Jugend eine mystisch verklärte Beziehung hatte.</li>
</ul>
<p>Als Pernath schon glaubt, nie mehr in Freiheit zu kommen, erweist sich doch noch seine Unschuld. Dass er nur sechs Monate einsaß, kann er selbst kaum glauben. Mag sein, dass er angesichts der düsteren Aussichten jegliches Zeitgefühl verloren hatte. Oder hat die Zeit selbst einen Sprung gemacht? Bei seiner Entlassung stellt Pernath nämlich fest, dass es die Hahnpassgasse, in der er lebte, so nicht mehr gibt. Das Judenviertel wurde teils abgerissen, teils großflächig saniert. Seine Freunde sind verschwunden, und von den jetzt hier Lebenden scheint sich niemand an sie zu erinnern. Auf der Suche nach Hillel und Mirijam versucht er, in ein mysteriöses Zimmer zu gelangen, das keinen normalen Zugang hat, und das den Gerüchten nach in einem Zusammenhang mit dem Golem steht. Da das Zimmer anders nicht zu erreichen ist, muss Pernath sich von oben zum Fenster dieses Zimmers abseilen. Bei diesem Versuch stürzt er ab &#8212; eine Szene, die sich der Legende nach bereits beim letzten Auftauchen des Golem, vor 33 Jahren, zugetragen hat.</p>
<p>Mit diesem Absturz erwacht der Erzähler, der nun nicht mehr Athanasius Pernath ist, sondern wieder der 25 Jahre nach diesen Ereignissen in seinem Hotelzimmer schlafende Besucher Prags. Doch der Traum lässt sich nicht so einfach wegwischen: in seinem Zimmer findet der Träumer einen Hut mit dem eingestickten Namen Athanasius Pernath, den er vor langer Zeit mit seinem eigenen Hut vertauscht hat. Er begibt sich auf die Suche und findet weitere Spuren des Geträumten. Schließlich steht er sich selbst bzw. seinem geträumten Ich gegenüber, das inzwischen mit der noch immer jungen Mirijam verheiratet ist. Es gibt keine Auflösung. Der Träumer und sein Traum-Ich tauschen die offenbar verwechselten Hüte.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.habenichtse.de/moderne-phantastik/der-golem/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

